WILLKOMMEN  

bei den SeePerlen !

 

Unser Ladengeschäft in Freiburg bietet Ihnen unter fachkundiger Anleitung und Beratung Perlen aus der ganzen Welt aus den unterschiedlichsten Materialien.

 


  • Unser Sortiment beinhaltet u.a.:

 

  • Miyuki Perlen, Toho Perlen,Preciosa und Swarovski
  • Zubehöre wie Tulip-Nadeln, Zwischenteile von Vintaj, Tierracast oder JBB
  • Die üblichen "Zutaten" zur Schmuckherstellung
  • Seltene und außergewöhnliche Zubehöre, die ansonsten nur sehr schwer zu finden sind.
  • Werkzeuge, Bücher &  Anleitungen
  • Fertige Schmuckstücke aus dem eigenen Design oder von anderen originellen Schmuckdesignern
  • Gutscheine

Service & Kurse

 

  • Gerne fertigen wir Ihr Schmuckstück nach eigenen Wünschen für Sie an
  • Reparaturen
  • Grundkurse (zum Erlernen der Grundfertigkeiten zur Schmuckherstellung)
  • Fortgeschrittenen-Kurse (Aufbau und Stärkung der Kenntnisse)
  • Perlen-Treffs
  • Workshops und Kurse mit nationalen und internationalen Perlen-KünstlerInnen
  • Private Kurse zu diversen Anlässen wie z.B. Geburtstage, Weihnachtsfeiern oder Jungesellinnen-Abschiede. Für weitere Informationen sprechen Sie uns direkt an!

 

 

Seien Sie willkommen!

Mit perligen Grüßen,

Ihre SeePerlen

 

Unsere Reise mit der ZEIT

Mit dem Bus von Shanghai nach Hamburg

 

"Es gibt keine Zufälle" bzw. "Schau hin und greif zu, wenn das Glück auf der Straße liegt...". Ganz nach diesem Motto ist uns diese Reise begegnet und wer uns kennt weiß, dass wir nicht lange fackeln. Innerhalb von 5 Tagen haben wir uns entschieden.


Ja, wir wollten das, von Shanghai nach Hamburg reisen. Das Ganze mit dem Bus. In Begleitung von 24 anderen Reisenden, diversen ZEIT-Korrespondenten und guten Reiseführern aus all den Ländern, die wir durchfahren werden. 54 Tage. Entlang der legendären Seidenstraße; ob alt oder neu - wir werden sehen.

 

Erst jetzt, wenige Tage vor Beginn des Abenteuers tangieren uns sehr konkrete Fragen:

Wie werden wir fast 2 ununterbrochene Monate auf engstem Raum mit unseren uns bis jetzt fremden Mitreisenden auskommen? Wie entwickelt sich welche Dynamik innerhalb der bunt zusammengewürfelten Gruppe?

Wie verarbeiten wir die Zeit, die uns permanent neue Eindrücke beschert? Werden wir danach Urlaub brauchen, um uns Ruhemomente zu verschaffen?

Wie wird uns diese Reise verändern?

Wie ist die Sicherheitslage auf unserem Weg?

 

Wer Lust hat zu sehen, wie wir diese Fragen im Laufe unserer Route beantworten werden, begleite uns gerne mit diesem kleinen Reisetagebuch. Wer Fragen hat, kann sie gerne stellen. Wir versuchen sie zu beantworten. Auf bald!


Tag 0

 

Die Koffer sind gepackt. Wir fragen uns, was noch fehlen könnte. Oje, der Adapter für China. Muss noch schnell gekauft werden. Und auch dringend der Hut für den besten aller Ehemänner - obwohl ihm Hüte ja gar nicht stehen. Aber wie bemerkt der Verkäufer lapidar: In der Wüste geht es nun mal nicht ohne.

Vorfreude mischt sich mit kleinem Abschiedsschmerz. Aber das ist ja immer so zu Beginn einer Reise. Nur - diesmal ist sie ungewöhnlich lange. Auch wenn Alexandra gestern meinte: "Kaum einmal kurz umgedreht, seid ihr ja schon wieder da..."

Ok.

Dennoch.

Muss kurz schlucken.



Tag 0, die zweite

 

Mehr und mehr ist nun Abschied nehmen angesagt. Momente werden plötzlich bedeutsam. Ein Blick auf den blühenden Alant will sagen, dass das definitiv der letzte ist in diesem Jahr. Alles andere aber wird weitergehen. Oskar wird Vögel jagen, die Vögel werden sauer sein, Gudrun freut sich auf den nächsten Aperol an unserer Feuerstelle.


Tag 0, die letzte

 

Die beste WG-Gang aller Zeiten versorgt uns mit diversen Notfallpaketen. Ohne Batterien, Erdnüssen, Schnäpsle oder Spielen würden wir wahrscheinlich nicht überleben. Aber das Wichtigste: Fächer für die Luftzufuhr bei den 30-40°C, die wir zu erwarten haben. Herzlichen Dank, ihr Süßen! Wir werden euch dolle vermissen. Bereitet schon mal den nächsten gemeinsamen Rido-Abend in 2 Monaten vor! Wir lassen derweil heute Abend noch mal die Spülmaschine laufen, gießen Blumen und laden das Handy auf. Morgen früh sollte alles erledigt sein...


Tag 1

 

Der Klassiker: Anna leiht uns ihr Auto, damit wir heute morgen pünktlich zum Bahnhof kommen. Als alle Koffer eingeladen sind, stelle ich panisch fest, dass der Wagen nicht anspringt. Batterie ist alle - ich habe gestern Abend vergessen, die Scheinwerfer auszuschalten...

Improvisieren können wir. Das ist auch der Grund weshalb wir es letztendlich doch noch geschafft haben. Anna sei Dank! Dennoch flattern meine Nerven. Wegen eines "Notarzteinsatzes" befährt unser Zug eine andere Strecke und hat bereits die klassische Verspätung.  So muss eine Reise doch beginnen, oder?


Tag 1 geht in Tag 2 über

 

Erschöpft, aber sehr erleichtert erholen wir uns seit ein paar Minuten in unserem Hotel Grand Kempinski in Shanghai.

Nachdem unser Flieger mit 1 Stunde Verspätung gestern von Frankfurt nach Moskau gestartet war, glaubte ich schon an einen dicken Wurm,  der in der Geschichte hier drinsteckt. Aber das dachte ich hoffentlich zum letzten Mal, denn ab Moskau lief alles blendend. Ein junger Mann, der in Shanghai arbeitet, sprach uns an und begleitete uns lebhaft erzählend durch den Flughafen zum nächsten Terminal. Das dauert in diesem Wirrwarr eine gute halbe Stunde unnd man hat das Gefühl, man liefe durch eine kleine Stadt mit Basar, Kneipen etc. Unser Wegweiser selber hatte in Friedrichshafen studiert (die Welt ist doch sehr klein, wie  wir wissen) und lebt jetzt als Deutscher begeistert in dieser Metropole. Erster Austausch von Visitenkarten.

Mit Аэрофлот zu fliegen war übrigens ein Genuss. Sehr freundliches Personal, leckere Köstlichkeiten und bequeme Sitzgelegenheiten erleichterten mir die Flugangst. Champagner trug wesentlich dazu bei 😶

In China ging es flott und reibungslos durch den Zoll. Am Ausgang warteten bereits einige Reiseteilnehmer, die uns schon im Flugzeug angesprochen hatten. Aufgrund unserer unverwechselbaren Rucksäcke mit der aufgedruckten Streckenführung sind wir sofort für jeden erkennbar.

Gemeinsam fahren wir mit dem einen oder anderen witzigen Spruch auf den Lippen eine lockere Stunde durch eine Mega-City.  Wenig Verkehr, wenige Menschen, aber unfassbare Wolkenkratzer säumen unsere Strecke. In einem Hochhaus, so scheint es, verbirgt sich ein ordentliches Dorf, menschenmengenmäßig. An der Front von anderen glänzt es so sehr, dass man den Wohlstand der darin untergebrachten Banken leicht erahnen kann. Modernste Architektur trifft pragmatische Wohnsilos. Kilometerweit. Und am Horizont  - geht's noch weiter.

Nun aber im Hotel. Die Zeitumstellung macht ein wenig zu schaffen. Frisch machen ist angesagt; danach werden wir erstmals dem kompletten Team begegnen.

Drei runde Tische mit jeweils einer gläsernen beweglichen Platte in der Mitte erfreuen unsere Augen - und Gaumen, denn während vieler Gänge werden uns unbekannte Köstlichkeiten serviert, die wir so richtig genießen. Die wichtigsten Begleiter unserer Reise stellen sich vor: die drei Busfahrer, die alle Künste eines Road Riders beherrschen müssen, die chinesischen Reiseleiter, Journalisten, Autoren und Übersetzer Michael und Felix und unser ständiger Reiseleiter, Walter Weiss, von dem hier im Laufe der Zeit noch viel zu lesen sein wird. Gast ist außerdem Christopher Alexander, Leiter der ZEIT-REISEN.

Zwar vermutet jeder, dass sich nach dem Essen alle doch noch ziemlich ermüdet zurückziehen würden. Als sich im kleinen Kreis herumspricht, wo sich die Bar im Hause befindet, erscheinen jedoch - oh Wunder - einer nach dem anderen bei grandioser Aussicht im 30. Stockwerk, um einen Absacker zu sich zu nehmen. Aus einem werden 2 oder 3 und plötzlich werden erste Pläne geschmiedet. Da ein Bus leer mit zurückfährt, entsteht die Idee, diesen sinnigerweise mit den Frauen unserer Gruppe zu bestücken. Ein wenig Abstand tue doch gut. Der Vorschlag wird mit spürbarer Zurückhaltung aufgenommen...

 

 


Tag 3

 

Der Tag beginnt nach einer erholsamen Nacht mit dem ungewöhnlichsten Frühstück, welches wir bisher je in einem Hotel erlebten. Eigentlich durchwandern wir erst einmal 10 Minuten eine "Fressmeile" voller Stände mit Angeboten an Fischgerichten, Suppen, Eier in Tee, Salaten, Eiscreme etc., bevor ich mich selber, überwältigt von der Vielfalt, für 3 Stücke diverser Melonensorten, Brot mit Butter und Kaffee entscheide. Aber ich entscheide auch, dass dies mein letztes Stück klassischen Brotes sein soll.

Anschließend beginnt das erste Erkunden von Shanghai. Herr Weiss stimmt uns ein mit folgender Weisheit des Mystiker Rumi:

 

Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben –
das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine
Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens,
die Größe der Tat,
die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch, recht gelebt,
macht jedes Gestern
zu einem Traum voller Glück
und jedes Morgen
zu einer Vision voller Hoffnung.

Darum achte gut auf diesen Tag.

 

Diese Weisheit ist krafterfüllt und begleitet uns.

Wir fahren mit 8m/sek. hoch hinauf in den 382m hohen Jinmao-Tower, der bis 2008 der höchste Tower Chinas war. Die Aussicht ist überwältigend. Wir blicken auf das alte und neue Shanghai. Die Fotos deuten dies nur an. Wir lernen viel über die Entwicklung der Stadt in der Zeit der Konzessionen bis heute. Niemand kann sich vorstellen, dass an dieser Stelle vor guten 30 Jahren noch Sumpf und Reisfelder existierten.

Um dies alles auch von unten zu bewundern, besuchen wir gleich die französische Konzession. Natürlich ist alles restauriert, aber die hohe Luftfeuchtigkeit trägt Gerüche und das fremde Stimmengewirr durch die Gassen, sodass sich das Flair vergangener Tage leicht erahnen lässt. Im Hintergrund ragen jedoch überall die modernsten Wolkenkratzer gen Himmel - wir vergessen auf diese Weise nie, wie nahtlos beieinander die Kontraste zwischen Vergangenheit und Gegenwart sind.

Noch befinden wir uns nicht auf der Seidenstraße, lernen jedoch in einem gekonnten Mix aus Vermittlung von Fakten der Lebensperspektiven einer Seidenraupe und praktischem Verkaufsgeschick in einer Seidenfabrik, wie Seide entsteht und verarbeitet wird. Faszinierend. Nachdem wir selber bei der Produktion von Decken aus feinster Maulbeerseide von Zwillingskokons geholfen haben, können wir nicht gehen, ohne selber 2 davon zu erstehen.

 

Nach einem weiteren köstlichen Mittagsmahl fahren wir in den chinesischen Altstadtbereich. Um dorthin zu gelangen, durchqueren wir einen Stadtbereich, der noch traditionell von Menschen bewohnt wird, die entweder zu alt sind, um sich noch in andere Lebensumstände begeben zu wollen, oder es aus unterschiedlichen Gründen nicht können. Die Verhältnisse dort sind äußerst beengt und sehr ärmlich. In diesen Häusern existieren weder Duschen oder gar "Hallen der inneren Harmonie", wie schicklicherweise die Toiletten von Michael genannt werden. Das Wasser wird außerhalb der Häuser angezapft und abends mit Coladosen "verschlossen " und geschützt.

Direkt angrenzend dann das historische Viertel von Shanghai, in welchem kaum etwas historisch ist, aber annähernd detailgetreu nachgebaut wurde. Alleine das über 400 Jahre alte Teehaus zieht uns magisch an. Wir genießen dort einen sehr feinen Tee und die Vorstellung, dass auch so manch anderer prominente Staatsgast in der Vergangenheit hier verweilte.

Mittlerweile sind alle Reiseteilnehmer recht erschöpft. Aber das gemeinsam Erlebte schweißt mehr und mehr zusammen. Wir beißen uns auch noch durch ein Stück Wanderung am Bund entlang, ein Stück Promenade am Flussufer, welche die beeindruckende Stadtkulisse in einem Blick erfassen läßt. Aber wir sind es mittlerweile so gewohnt, alles von oben anzuschauen, dass wir erneut eine grandiose Bar aufsuchen, die uns in diese Kulisse eintauchen lässt. Mojito ist das Getränk der Wahl.

Bevor wir jedoch ins Bett fallen, erleben wir ein Abendessen mit neuen Geschmachsnuancen, sehr netten Gesprächen und neuen Bekanntschaften. Eigentlich kann ich es noch immer nicht richtig glauben, dass ich in China bin, mitten in Shanghai. Aber eigentlich ist es ja auch der letzte Tag in Shanghai - morgen schon beginnt unsere Rückreise...

 

 

 

 


Tag 4

 

Endlich. Voller Vorfreude und mit Glanz in vielen Augen beziehen wir heute Morgen unser schwarzes imposantes und kraftstrotzendes neues Zuhause. Für die nächsten vielen Wochen. Der Kaffeebecher am Platz trägt unsere Namen, also wissen wir, wo wir bis zum nächsten Rotationsmodus sitzen werden.

Das erste Prozent unserer Rückreisewegesstrecke steht uns heute bevor.

Für die nächsten 130 km sind 3 Stunden eingeplant. Die vergehen jedoch kaum. Erstens stecken wir häufig im Verkehr fest und auf der anderen Seite betäuben uns die Aussichten: wir bemerken nicht mehr, wann eine Stadtgrenze endet und die nächste beginnt, denn ein Wolkenkratzer reiht sich ununterscheidbar an den nächsten. Manchmal erkennt man zwar die "Neubauten" aus den 80er Jahren aufgrund der schlechten Bausubstanz im Gegensatz zu moderneren Giganten, aber überall weht unberührt von solchen Fragen die gesamte Wäsche vor den Fenstern oder von den Balkonen; ob zum trocknen, lüften oder als Aufbewahrungsort kann ich nicht unterscheiden.

Ca. 20 Millionen Menschen leben alleine in Shanghai, ca. 100 Millionen in der Umgebung und ca. 300 Millionen im gesamten Provinzgebiet Jiangsu. Es erscheint alles auf der einen Seite gigantisch groß, hoch und höher zu sein, auf der anderen Seite aber auch unfassbar eng und bedrängend. Ich sehe nur Masse und suche doch eigentlich das Individuum.

Nach dem Mittagessen in Wuxi, wo unter anderem unsere ersten Hühnerfüße serviert werden, werden wir in dieser kleinen Stadt (ca. 6,4 Mill. Einwohner) ganz besonders empfangen. Als Kulturbotschafter Deutschlands unterwegs, begrüßen uns Honoratioren der Stadt, Presse und Fernsehen. Es werden Geschenke ausgetauscht. Danach führen uns unsere Gastgeber durch die historische, sehr gut erhaltene Altstadt, die äußerst sehenswert und atmosphärisch ganz besonders bezaubernd ist. Einheimische genießen beim Go- und Kartenspiel ihre Freizeit an den Ufern der Kanäle. Die Historie umweht uns immer wieder wie ein Hauch, wenn wir die Schreibstuben der alten Gelehrten besuchen oder die Tonwerkstatt der Künstler, die zierlichste Teekännchen aus dem besonderen dunklen Ton dieser Gegend "ohne Zinn" (Wu-xi) herstellen.

Wir leben in einem weiteren 5* Hotel direkt am  Süßwassersee Taihu in Wuxi.

Nach den gefühlten 98% Luftfeuchtigkeit in Shanghai haben wir nun 100% erreicht: sanfter Sommerregen tröpfelt auf unsere Regenschirme.

Das Abendessen beinhaltet wieder traditionelle Speisen aus dem hiesigen Gebiet, alles von Michael (sein eigentlicher chinesischer Name ist leider nicht aussprechbar - deshalb hat er an der Uni diesen "typisch" deutschen Namen erhalten) vorab bedachtsam ausgewählt. Neben klassischen Fleischspeisen gibt es u.a. eingelegte Datteln, gesüßte Rübenscheiben, Silberfischesuppe oder Gingkofrüchte. Alles ist wirklich immer aufs Köstlichste gewürzt. 

Nach dem Essen erwartet uns ein von Felix Lee gehaltener spannender Vortrag über die Entwicklung Chinas von 1996 bis 2016. Felix ist diesmal der richtige Name, da er in Deutschland aufgewachsen ist. Die vielen Fragen, die aufkommen, lassen erahnen, dass er während der nächsten Wochen noch Vieles zu erklären haben wird. Trotz erster Magen- und sonstiger Beschwerden in der Gruppe ist die Frage nach dem Stockwerk, auf dem die Bar zu finden ist, aufs Schnellste geklärt. Viele von uns verschwinden vor Müdigkeit in ihre Zimmer, viele aber auch in den 9. Stock...

 

Walter Weiss gab uns übrigens heute sinngemäß folgenden Spruch mit auf den Weg:

 

Weißt du noch, als du kamst,

Dass du weintest und alle anderen lächelten.

Leb so, dass, wenn einst du gehst:

Du lächelst und alle anderen weinen.

 

 


Tag 5

 

Kung-Fu-Dsi sagt zum

"Preis geistiger Gemeinschaft":

 

Das Leben führt den ernsten Mann auf bunt verschlungnem Pfade,

Oft wird gehemmt des Laufes Kraft, dann wieder geht´s gerade.

Hier mag sich ein beredter Sinn in Worten frei ergießen,

Dort muss des Wissens schwere Last in Schweigen sich entschließen.


Doch wo zwei Menschen einig sind in ihrem innern Herzen,

da brechen sie die Stärke selbst von Eisen oder Erzen.

Und wo zwei Menschen sich im innern Herzen ganz verstehen,

sind ihre Worte süß und stark wie Orchideen.

 

Beim Besuch der Schildkrötenkopf-Halbinsel auf dem Taihu-See muss sich Konfuzius sicher keine Sorgen um unseren inneren Herzenszustand machen - wir sind offen für alle Herzens- und Augenfreuden.

Bereits am Eingangstor zur Dschunkenanlegestelle werden wir begrüßt wie alte Bekannte. Zwar ist das Wetter wie immer diesig und feucht, aber nichts kann unsere Vorfreude trüben, denn: es weht ein sanfter Wind bei der Überfahrt Richtung Qingfen Insel. Der Jadetempel überragt die Umgebung. Kein Wunder, denn hier wurde und wird der Gott des Himmels angebetet.

Der Garten selber überrascht uns mit großen Lotusblüten und kunstvollen Gartengestaltungen. Neben den Zikadenklängen erfreut insbesondere der Gesang von zierlichen weiblichen Geschöpfen, in feinstes Seidengeschmeide gehüllt und an historischen Instrumenten zupfend, unsere männlichen Genossen. Gut, dass man sich in der Mitte ersterer ablichten lassen kann - gegen Bares natürlich. Aber ehrlich gesagt sind auch wir Frauen beeindruckt von den musikalischen Künsten, die uns unvermittelt begegnen.

Michael macht uns mit vielen weiteren Details der chinesischen Pflanzenwelt vertraut. So verkörpert der Bambus mit der Geradlinigkeit seines Stammes die Aufrichtigkeit, während die innere hohle Leere Raum zu Befüllung biete und Bescheidenheit darstellt. Die Knoten, die den Bambusstamm festigen, repräsentieren seine Prinzipientreue. Dass die traditionelle chinesische Gartenkunst eine ganz besondere Bedeutung in der Historie hat, erläutert uns Walter später im Bus. Die Darstellung der spannenden Zusammenhänge, die auf dem Daoismus begründet sind, führen an dieser Stelle jedoch aufgrund ihrer Komplexität zu weit, sie zu beschreiben.

Nach dem Spezialitäten-Essen in der Gartenanlage, welches uns diesmal u.a. Hühnerfüßepilze beschert, machen wir uns auf in den sogenannten  "Feuerkessel Chinas": Nanjing.

Wir fahren den ganzen Nachmittag, während ununterbrochen weitere Wolkenkratzer an uns vorüberziehen. Ich kann es immer noch nicht begreifen, dass hier Millionen und Abermillionen von Menschen so eng aufeinander wohnen. Während der Fahrt lauschen wir Felix, der uns über das moderne Nanjing aufklärt. Diese Stadt erlitt während des 2. Weltkrieges ein grausamen Schicksal: das Massaker von Nanjing, welches durch die Japaner verursacht war. Morgen werden wir mehr erfahren.

Nach dem unterhaltsamen Abendmahl an den gewohnten drei Round Tables gibt es ein fröhliches Wiedersehen an der Bar, selbstverständlich.

 

 

 


Tag 6

 

Walter zitiert Lau-Dsi (Laotse):

 

Bittere Herrlichkeit

Wer auf den Zehen steht, steht nicht fest.

Wer mit gespreizten Beinen geht, kommt nicht voran.

Wer selber scheinen will, wird nicht erleuchtet.

Wer selber etwas sein will, wird nicht herrlich.

Wer selber sich rühmt, vollbringt nicht Werke.

Wer selber sich hervortut, wird nicht erhoben.

Er ist für den SINN wie Küchenabfall und Eiterbeule.

Und auch die Geschöpfe alle hassen ihn.

Darum: wer den SINN hat, weilt nicht dabei.

 

Uih, das muss man erst einmal verdauen. Vielleicht hilft der Gedanke an den gestrigen Bambus, der sich mit seiner Tugend, der Bescheidenheit, hervorhebt.

Heute freue ich mich darauf, die freudigen Gesichter unserer Reisegruppe beim Frühstück wiederzusehen. Es macht immer mehr Spaß, die Menschen tiefer kennenzulernen, mit denen man eine Zufallsgemeinschaft gebildet hat.

Wir begeben uns mit Herrn Wang, unserem heutigen Nanjinger Reiseleiter auf den Weg in die Altstadt dieser Metropole, die im Westen (trotz ihrer ca. 8 Mill. Einwohner) recht unbekannt ist, aber in der Geschichte des Riesenreiches eine bedeutende Rolle gespielt hat. Im Laufe der verschiedenen Zeiten war die „Stadt des Südens“ 10 Mal Hauptstadt, wobei hier insbesondere die Ming-Dynastie zu erwähnen ist.

Von der Brücke der Tugend gelangen wir unmittelbar zum Platz der Prostituierten, wobei das kein Schaden ist, denn angrenzend befinden wir uns sofort am beeindruckenden Konfuzius-Tempel, wo man durch Räuchern und Bittgebete seine Wünsche nach Glück und Tugend gen Himmel senden konnte und natürlich immer noch kann.

Weiter geht´s zu einer weiteren großen Sehenswürdigkeit dieser Stadt: der Dschunken-Werft, die in einer kurzen Phase der Eroberung des Wassers eine große Rolle spielte. Der Anblick des vor uns liegenden Dschunkennachbaus würde Kolumbus die Schamesröte in die Wangen treiben. Gigantische 140m in der Länge und 60m in der Breite waren die Ausmaße der größten Ausgabe. Aber auch die Wege, die die Chinesen zur See zurücklegten, bevor er geboren wurde, würden ihn, hätte er davon gewußt, wahrscheinlich den Beruf eines einfachen Schneiders oder Schusters ergreifen lassen.

Herr Wang plaudert aus seiner Zeit als Kind in Nanjing. Unter Mao musste die Familie großen Hunger leiden. Er beschreibt leidenschaftlich, wie er Hunde, Katzen, Insekten und Blätter von den Bäumen aß, um nicht verhungern zu müssen. Dankbar spricht er vom Machtwechsel und wie der kleine große Deng Xiaoping das Land neu modelliert und reformiert hat.

Der Backofen von Nanjing macht uns immer mehr zu schaffen. Darum ergreifen wir begeistert den Vorschlag von Felix, uns einmal original massieren zu lassen. So lande ich in einem typischen Massage-Salon und werde von einer zarten Chinesin in Empfang genommen. Zart? Wie ich mich irre… Nachdem ich die Kleidung wechseln musste (rosa Leibchen und kurze Höschen), werden die Füße in duftigem Seifenwasser, in dem frische Rosenblätter schwimmen, gewaschen. Dann geht es los: da wird gerubbelt, geknetet, geschuftet. Per Übersetzungsprogramm gibt es Anweisungen. Sie spricht auf Chinesisch ins Handy, ich bekomme die Hinweise in blumigem Englisch übersetzt: "Meine Schöne, damit ich dein Gesicht massieren kann, verlasse ich dich jetzt, um mir die Hände zu waschen." Ich beiße hin und wieder die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien von den zupackenden "zarten" Händen. Stöhne ich dann doch einmal leise auf, lacht sie freundlich vor sich hin… Nach 90 Minuten jedoch fühle ich mich wie neugeboren.

Alle massierten Teilnehmer haben am Abend viel zu erzählen. Das gemeinsame Gelächter hört nicht mehr auf. Um den Angestellten im Hotel-Restaurant den Feierabend nicht zu verderben, begeben wir uns halt mal wieder in die Hotel-Bar, um den Abend vergnügt ausklingen zu lassen.

 


Tag 7

 

Kaufleute (Dschen Si Ang)

 

Kaufleute rühmen sich gern ihrer Künste und Kniffe

Doch in der Philosophie sind sie wie kleine Kinder

Prahlend gestehn sie einander erfolgreichen Fang

Doch bedenken sie nicht ihres Leibes letztes Geschick

Was wüssten sie auch vom Herrn der verborgenen Wahrheit,

Der die Weiten der Welt erschaute im Becher aus Jade?

Der in Erleuchtung sich löste von Erde und Himmel

Und auf dem Wagen der Wandlung erreicht das Tor der Unwandelbarkeit?

 

Der Vormittag ist heute für den Besuch des John Rabe Hauses reserviert. Der deutsche Siemens-Mitarbeiter hat während der japanischen Invasion 1937 in Nanjing laut den Inschriften ca. 200 000 Menschen durch die Errichtung von Sicherheitszonen das Leben gerettet. Er gilt als der Schindler Chinas. Nichtsdestotrotz sind in der Stadt 300 000 Menschen durch schwere Greueltaten der Japaner gestorben.

Auf dem Weg zum nächsten Stopp überqueren wir endlich den sagenumwobenen Yangtze, den drittgrößten Fluß dieser Erde. Breit und schmutzig wälzt er sich durch die Landschaft. Immer häufiger sehen wir nun auch landwirtschaftlich genutzte Flächen, Gehege, in denen Enten und Gänse aufgezogen, aber auch Lkws, in denen sie aufeinandergeschichtet abtransportiert werden (zuunterst die toten Tiere, darüber die halb lebenden und ganz oben die, die noch ein letztes Mal ihre Hälse in den Fahrtwind recken).

Auf Wunsch von vielen gibt es heute erstmals eine Kaffeepause. Bei 34°C reihen wir uns vor dem Bus auf und lassen das heiße Getränk durch unsere Kehlen rinnen. Herrlich!

Michael und Felix verkürzen uns den Rest der Fahrt nach Bengbu mit ihrem Detailwissen zur Gegend und dem Alltagsleben der Menschen im Land. Wir sind immer wieder fasziniert.

Bengbu ist auf den ersten Blick eine eher nichtssagender Stadt mit ihren 3,5 Mill. Einwohnern und den vielen Hochhäusern, so weit das Auge reicht (siehe oben den Blick aus unserem Hotelzimmer). Aber immer mehr irritiert uns, dass ganz viele dieser Bauten komplett leer stehen. Die Urbanisierungsmaßnahmen des Staates scheinen in einen Wildwuchs auszuarten. Mal sehen, wie das weitergeht.

Da wir hier nur "Zwischenstopp" machen, platzieren Chris und Felix vor dem Abendessen ihre Diskussionsrunde zum Thema ZEIT, ZEIT-online und ZEITREISEN. Wir erhalten auch hier wieder viel Detailwissen und Einblicke ins Printwesen, die uns neu waren. Die Diskussion dazu ist lebhaft. Offensichtlich befinden sich die ZEIT-REISEN laut Chris in einer guten Entwicklung. Wenn alle Reisen so überaus spannend, ja einzigartig verlaufen, dann ist das für mich auch kein Wunder.

Felix berichtet Spannendes über sein Leben als deutscher Journalist in Beijing, über seine Möglichkeiten und Einschränkungen. Offensichtlich genießt er so manche Freiheiten aufgrund der guten Beziehungen zwischen China und Deutschland, die so manch anderem ausländischen Kollegen oder Kollegin wohl eher verwehrt sind.

Am Abend entscheiden sich viele von uns dazu, einen öffentlichen Platz in der Nähe zu besuchen, um hautnah zu erleben, wie die Chinesen - vor allem die Frauen - die Gelegenheit zu ausgiebigen Tanzfreuden nutzen. Sie kommen wohl sehr auf ihre Kosten. Wir dagegen entscheiden uns dazu, im Hotel genüßlich in Zweisamkeit einen bescheidenen Wein aus Südafrika zu kosten (die einzige Sorte im Haus) - wir feiern nämlich heute unseren Hochzeitstag!


Tag 8

 

Lied der Alten beim Schlagholzspiel

 

Die Sonne geht auf,

da arbeiten wir.

Die Sonne sinkt,

da rasten wir.

Wir graben Brunnen

und trinken dann.

Wir pflügen Felder

und essen dann.

Des Kaisers Macht,

was geht sie uns an?

 

Heute steht uns die erste längere Fahrt bevor. Wird das gut auszuhalten sein? Auch hier rühme ich die hervorragende Reiseleitung. Wieder beantworten Felix und Michael kurzweilig alle Fragen zu Land und Leuten. Nun wissen wir, was die vielen, vereinzelt in den Feldern versprengten Hügelchen bedeuten, die manchmal mit bunten Paperkränzchen geschmückt sind, meist jedoch nicht. Die Chinesen ehren ihre Verstorbenen sehr. Damit deren Seelen ihren eigenen Raum ungestört nutzen können, beerdigt man die Toten weit draußen außerhalb der Dörfer. Dort werden die Hügelgräber dann auch bewusst selten besucht, um ihnen ihre Ruhe zu gönnen. Diese Hügel (manchmal sind es auch kleinste Häuschen) sind nicht streng angeordnet wie unsere Friedhöfe, sondern tatsächlich frei auf den Äckern verteilt. Heutzutage wird in China die Landfläche immer kostbarer. Dies ist der Grund, weshalb immer intensiver die Feuerbestattung bei den Han-Chinesen propagiert wird.

Auch sonst geht es kurzweilig weiter. Wir singen fleißig unsere tägliche Hymne von Udo Lindenberg: Hinter dem Horizont geht's weiter... Es klingt leider noch etwas brummelig, aber ich hoffe, dass diesbezüglich die Begeisterung noch wächst.

Walter öffnet seine kleine musikalische Schatztruhe. Zwar will er uns nicht dauerhaft berieseln, aber hin und wieder dürfen wir in seine exquisite Sammlung an Weltmusik hineinhören. Heute sind es mongolische Hirtenlieder von Urna, die unsere Ohren umschmeicheln, während unsere Blicke verträumt über das saftige Grün einer zunehmend fülligeren Pflanzenwelt schweifen. Wir wundern uns sowieso, weshalb hier alles so hervorragend gedeiht. Die Antwort folgt in Kürze.

Nach einem einfachen, aber sehr schmackhaften Mahl an einer kleinen Raststätte geht es bei 36 Grad weiter.

Und dann beginnt die Sintflut.

Wasserfluten strömen mit einer ungekannten Wucht auf unseren Bus. Die Temperatur sinkt innerhalb von 20 Minuten auf 23 Grad. Wir versuchen aufgeregt zu erspähen, was um uns herum geschieht, aber wir erblicken nur eine undurchdringliche Regenfront. Unser Fahrer Daniel meistert das Spektakel ungerührt und fährt einfach durch. Irgendwann ist alles wie im Spuk vorbei. Die Temperatur steigt und die nächste Millionenstadt liegt vor uns: Xuchang. Hier wird es erstmals holprig auf den ansonsten hervorragenden Straßen (siehe oben). Die Straßen werden immer breiter, die Häuser wieder viel höher, sie stehen aber leer. Ich frage Felix nach diesem Phänomen. Eine Geisterstadt, meint er.  Wenn wir Menschen sehen, dann sind es vor allem Frauen, die uns auffallen. Sie arbeiten in Grüppchen im Straßenbau, schaufeln Sand.

Am Hotel großer Empfang. Wir werden mit militärischen Gruß, freundlichem "Hello" und Tee willkommen geheißen. Das obige Foto zeigt uns bei der täglichen Zimmervergabe durch Michael. Ein Hotel mit heißen Quellen ist es heute, welche von einigen von uns genutzt werden. Das Abendessen: in sehr unterhaltsamer Runde sehr vergnüglich. Fortsetzung in der Bar mit Hirschgeweihleuchter. Nun gute Nacht! Die wird kürzer als gewohnt: 7 Uhr Koffer vor die Tür. Abfahrt: 8 Uhr. 

 


Tag 9

Der Abschied aus dem Hotel vollzieht sich mit derselben Pracht, wie die Ankunft. Personal ist offensichtlich ausreichend vorhanden. Während uns immer eine Person zu den Aufzügen geleitet, nehmen uns jeweils 2 auf den Etagen in Empfang.

An diesem Morgen öffnet der Himmel seine Schleusen erneut. Der Vorteil: die Temperaturen sind angenehm erträglich.

Walter verzichtet heute auf die tägliche Rezitation von Versen, führt uns aber in das Leben des großen Boddhidarma ein, der als der Begründer des Zen-Buddhismus gilt und im 5./6. Jahrhundert aus Indien kommend in der Region unseres heutigen Zieles eintraf.

Wir besuchen ein großes Ziel, ja eine Pilgerstätte: das Shaolin-Kloster, in dem Boddhidarma 9 Jahre meditierte, bis er die Erleuchtung erlangte und dann dort lehrte. Er führte ebenfalls die KungFu Kampfkunst ein, die in der Region in unendlich vielen Schulen bis heute gelehrt wird. Jährlich verlassen ca. 1 Million Absolventen diese Schulen (über ganz China verteilt).

Das Gelände ist riesig und kommerziell gut entwickelt. Felix berichtet vom sogenannten CEO-Abt, der diese Kommerzialisierung gezielt und mit großem Erfolg vorangetrieben hat. Der Buddha sollte in deinem Herzen leben - dann ist es egal, wo du bist und wie du das Äußere vermarktest...

Während also viele Menschen die Stätte bevölkern, vertreibt ein kleiner Regenguss alle neugierigen Besucher mit einem Schlag. Wir sind ganz alleine - und erst jetzt spüren wir andächtig eine feine Stille und fast heilige Atmosphäre. Ein Geschenk von oben.

Nach dem Besuch des benachbarten Pagodenwaldes (Weltkulturerbe), in dem 248 erleuchtete Mönche ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, dürfen wir eine bekannte Kung Fu Schule besuchen. Wir betreten eine einfache Halle und sind dann aufgewühlt von den Kampfkünsten der jungen Schüler. Äußerst beherrscht und mit einer wirklichen Kunstfertigkeit zeigen sie eine halbe Stunde, was sie können. Ich bin stark beeindruckt, aber immer mehr auch erschüttert, wie jung diese Kinder sind und überlege, welcher Drill dahinter stecken muss, um so weit zu kommen.

Der Abend ist wieder von offiziellem Besuch geprägt, endet aber in festlicher und feucht-fröhlicher Stimmung, denn der hiesige Kulturbeauftragte hat als Geschenk vieeel örtlichen Reisschnaps zurück gelassen.


Tag 10

Gastbeitrag von Manfred Kennel:

 

Longmen Grotten und Xian

 

Kurz vor der Abfahrt verabschieden wir unseren sehr kompetenten und sehr freundlichen lokalen Chinaexperten Felix Lee, den wir nach 7 Tagen mit uns auf der Reise wirklich schon ins Herz geschlossen haben und der nun wieder zurück nach Peking fliegt, um auch andere an seinem Wissen über und in China wie auch in Deutschland teilhaben zu lassen. Eine Lücke bleibt.

Pünktlich dann um 09:00 lokaler Raumschiffzeit ( unser Hotel ist unter dem Motto „ Raumfahrt“ eingerichtet) verlassen wir die alte Hauptstadt Luoyang auf sehr breiten, aber wenig befahrenen Straßen in Richtung Longmen- Grotten. Strahlender Sonnenschein mit gemessenen 35 Grad und gefühlten 45 Grad Celsius begleitet uns den ganzen Tag und es gibt Gerüchte, dass wir wohl den letzten Regen für lange lange Zeit gesehen haben.
Alle sind nach dem gestrigen opulenten und (feucht) fröhlichen Abend frisch und munter und vor allem gespannt auf eine der ganz großen Sehenswürdigkeiten in Luoyang. Wir werden nicht enttäuscht, sondern sind fasziniert von den Buddhafiguren, die hier am Fluß in den Stein gehauen sind, einzigartig filigran, aber auch riesig groß. Mit beeindruckender Technik und Gestaltungskunst wurden insgesamt mehr als 90000 Figuren hier verewigt. Leider hat die Ewigkeit nicht ganz gehalten, weil zur Zeit der Kulturrevolution dieser Menschheitsschatz durch die Roten Garden doch teilweise stark beschädigt wurde. Aber das, was vorhanden ist, beeindruckt gewaltig, sowohl die Figuren selbst wie auch die Einbettung in die Flusslandschaft. Leicht (?) schwitzend erklimmen wir die vielen Treppen zu den Grotten, um die Eindrücke möglichst nah zu erleben. Einige von uns, denen die Aufstiegsstrapazen zu mühsam waren, haben sich dann mit ausgesprochen freundlichen jungen Chinesinnen unterhalten und an einer Umfrage teilgenommen. Unsere begeisterte positive Antwort auf die Frage nach unsren bisherigen Erfahrungen/Begegnungen in China hat ein großes Lächeln auf die schönen Gesichter gezeichnet. Und am Schluss haben unsere Teilnehmerinnen an der Befragung noch einen chinesischen „Orden“ ans Revers geheftet bekommen.
Nun noch einige Erklärungen zu den Buddhafiguren : Longmen heisst übrigens nicht die „langen Männer“ sondern Drachentor. Drachentor deshalb, weil hier an diesem Fluß ein Wasserfall war und Fische immer mit „aus dem Wasser springen“ versucht haben, die Wasserfallstufen zu überbrücken.
Daraus hat der chinesische Volksmund dann die Sage gemacht, dass die Fische nach der Wasserfallstufe zu den Drachen werden, die den Fluss beschützen.

Die Buddhafiguren selbst wurden ab ca. 600 n. Chr. bis ins 12. Jahrhundert durch buddhistische Mönche in den Fels geschlagen. Der größte Buddha ist bestimmt über 20 m hoch und ist sitzend dargestellt. Wenn er erst aufsteht, ist er wahrscheinlich einer der Größten der Welt. Nach ca. 2 Std und nachdem wir uns alle (!) wieder glücklich im Bus eingefunden haben, geht es wieder „on the road“. Nach einem kurzen Mittagsschlaf und anschliessenden Käsekräckern geht es durch chinesische, fast ortschaftslose Landschaften, die eine Kombination von deutschen Mittelgebirgslandschaften mit toskanischen Zypressenwäldern zeigen und einfach harmonisch und beruhigend auf uns wirken. Auch die zur Pause angefahrene Raststätte stört diese Ruhe und Gelassenheit nicht. Wir sind das einzige Auto auf der Raststätte. Weiter auf der Fahrt lauschen wir einem tiefgehenden Vortrag über Taoismus und Konfuzianismus, sodass wir diese uralten Traditionen und ihre Auswirkungen auf das heutige China besser einordnen können.
Nach wirklich langer Fahrt erreichen wir gegen 20:00 die alte Kaiserstadt Xian. Nach dem üblichen Kofferräumen, Beziehen der Zimmer und einer kräftigen Dusche dürfen wird den Abend bei einem benachbarten Restaurant wohlmundend ausklingen lassen. Zufrieden und geschafft gehen wir ins Bett und träumen von chinesischen Kaisern und ihren Armeen, die wir uns morgen anschauen.

Beste Grüße aus einem faszinierenden China,

Manfred Kennel

 


Tag 11

 

Als ich auf dem Pferde einschlief

 

Weit war unser Weg an diesem Tage

Und immer noch fern das Ziel.

Mühsam hielt ich die Augen offen.

Bis ich ermattet in Schlummer verfiel.

Am rechten Ärmel hing noch die Peitsche,

Am linken waren die Zügel eben entglitten.

Plötzlich erwachte ich. Es sagte der Knecht mir:
"Wir sind kaum hundert Schritt inzwischen geritten."

 

So weilten Leib und Seele nicht an dem gleichen Orte.

Langsam und schnell - wer könnte vereinen die beiden Worte!

Der Schlaf auf dem Pferd, einen Augenblick währte er bloß,

Im Traum aber erschien er mir grenzenlos.

Es sagen die Weisen, und was sie sagen ist wahr:

Gleich einem kurzen Schlafe sind hundert Jahr.

 

Diese Verse aus der Tang-Zeit um 800 n.Ch. herum begleiten uns heute den ganzen Tag über.

Hier beginnt unsere Reise auf der legendären Seidenstraße. Hier begann sie vor vielen hundert Jahren und hier endete sie, nachdem die Karawanen aus den fernen Gefilden im Westen mit vielen neuen Erkenntnissen und spannenden Reiseerzählungen zurückkehrten.

Gleich am Morgen besuchen wir eine weiträumige Ruheoase inmitten dieser turbulenten und modernen 8 Millionen Provinzhauptstadt Xian: die Wildgans-Pagode. Einst wurde in ihr eine erlesene Bibliothek mit kostbarsten Schriften angelegt, von der heute - außer ihrer Schönheit -   leider nichts mehr erkennbar ist. Dennoch lauschen wir den vielen Mythen und Geschichten, die uns Michael preisgibt. Bernd, falls du dies liest, schau dir doch mal den Vorboten des Menschheitsrepräsentanten oben an :-)

Am Ende der Anlage verirren sich nur wenige Besucher und einige Gläubige. Ich werde magisch dorthin gezogen, denn über den Platz ziehen meditativen Gesänge und Klangfarben von rhythmischen Musikinstrumentarien. Buddhistische Mönchen sitzen im Tempel und rezitieren. Räucherwerk dringt mit seiner Tiefenwirkung ins limbisches System und lässt die Gedanken schweifen. Warum haben wir in diesem Augenblick nicht die Möglichkeit, inne zu halten? Es ist nun mal so, unsere Karawane zieht weiter. Und ich will mit.

 

Wir sind bereits zutiefst erfüllt von vielen Eindrücken und ahnen noch nicht, dass wir heute noch viel mehr Platz in uns frei machen müssen.

Gleich erleben wir einen Ort, der Anziehungspunkt für weltweiten Tourismus geworden ist: die Ausgrabungsstätte der Terrakotta-Armee. Mühsam gelangen wir mit den anderen Menschenströmen zu den Ausgrabungshallen. Mit Selfies lichten sich tausende von Menschen genau wie wir vor den über 2000 Jahre alten Kriegern ab.

Der Erschöpfungszustand unserer Gruppe erreicht einen Höchststand, als wir uns Körper an Körper gedrängt an den Hauptattraktionen vorbeischieben: den restaurierten Reisewägen.  Ich gestehe: ich bin erleichtert, als wir diesen seit den 70ern touristisch extrem "entwickelten" Ort verlassen können.

Als Highlight des Tages empfinden die meisten die nächste Anlaufstelle. In Xian leben seit altersher ca. 500 000 muslimische Chinesen in einem eigenen Stadtviertel. Wir trauen unseren Augen kaum. Endlich. Hier pulsiert das Leben. Danach suchte ich die letzten Tage: Wie leben die Chinesen eigentlich?

Im engen Straßengeflecht drängen sich Einheimische und Touristen mitten durch den Basar. Es duftet, es klingt, es schreit, es brodelt, es dampft, es hupt, es lacht, es schreit. Freundliche Händler lassen uns fast ungeschoren durch bis zu unserem einzigartigen Ziel: der Moschee von Xian. Plötzlich sind wir wie abgeschirmt vom Lärm, der sich soeben noch über uns ergossen hat. Unsere zweite Oase auf der Seidenstraße! Hier ertönt sogar hin und wieder Vogelgezwitscher, welches ich auf dem bisherigen Weg sehr vermisst habe. Die Architektur lässt nicht vermuten, wo wir uns gerade befinden. Der pagodenartige Turm in der Mitte ist ein Minarett, wie es kein zweites je zu sehen gibt, auch wenn es keine Muezzin mehr gibt, die dort ihre Gebete ausrufen. Dennoch erleben wir viele Gläubige, die zum beten die alte Moschee betreten.

Auf dem Rückweg müssen wir wieder durch den Basar - und wollen auch hier unbedingt länger verweilen. So viele schöne Gesichter sind zu sehen, junge, alte, glänzende, faltige, farbige, einfach schöne. Das Leben hier, ja hier lebt es.

Aber wir sind auch hungrig geworden von den herrlichen Düften um uns herum und werden nu, oh Freude,  zu einem Spezialitäten-Abend eingeladen. Wir bewegen uns auf unserem Weg gen Westen langsam weg von kulinarischen Gaumenfreuden aus Reis, hin zu Gerichten aus kunstfertigem Nudelteig. Oft sind Köstlichkeiten in Teigtaschen versteckt. Hier erkennt man aber an der äußeren Form genau, was darin verborgen ist. So ist Schweinefleisch an einer Teigtasche in Schweineform und Fisch an der Fischform zu erkennen.  Wieder nur begeisterte Toasts auf die Küche. Ist auch einfach, denn der Reisschnaps ist inklusive.

Man müsste denken, dass das nun alles mehr als genug sein dürfte für ein Tagesprogramm. Pustekuchen. Einige wünschen sich die Teilnahme an einem Kostumspektakel aus der Tang-Dynastie mit Tanz und Musik aus dieser Zeit. Alleine die Theateratmosphäre an sich mitzuerleben  ist sehr lohnenswert. Die Zuschauer sitzen an langen Tischen, essen Popcorn, trinken, was das Herz begehrt und lassen ihrer Begeisterung freien Lauf. Während gut ausgebildete Tänzer und Musiker ihr Können präsentieren, geht immer wieder ein Raunen durch den komplett gefüllten Raum. Es erscheint mir alles irgendwie wie ein kitschigen Europa-Park- Event, gemahnt mich gleichzeitig aber immer daran, dies als Ausdruck eines Zustandes der alten Kulturen zu erspüren, deren Spuren ich ja folgen will.

 


Tag 12

 

Geduld bedeutet, dass man immer weit blickt

und das Ziel im Auge behält.

Ungeduld bedeutet, dass man kurzfristig nicht

seine Bestimmung begreift.

 

Bei den Chinesen ist der Himmel traditionell rund und die Erde eckig. Dies spiegelt sich überall wieder, sei es bei den alten chin. Münzen, die klassisch viereckig ausgestanzt sind, oder bei der Stadtmauer von Xian, die im Umfang von ca. 14 km komplett erhalten ist. Mit einer Breite von ca. 15m ist sie bequem zu Fuß zu begehen bzw. unbequem mit dem Fahrrad zu umrunden, wie einige Wagemutigen aus unserer Truppe leidvoll erfahren. Dies liegt jedoch nicht an der Strecke, sondern an den schwindsüchtigen Drahteseln.

Das mächtige Bauwerk ist aus Ziegelsteinen aufgebaut, die in früher Zeit mit einem Reis/Honig-Gemisch miteinander verkittet waren. Jeder einzelne Stein war gekennzeichnet mit dem Namen des Handwerkern, dem Namen des Beamten, der ihn geprüft hat (Beamte für Keramikgewerk) und dem Herstellungsdatum. Ich bin stolz darauf, ein paar von diesen nur noch seltenen Originalen im Mauerwerk zu entdecken und zu berühren.

Wir wundern uns über die vielen jungen Damen in Rot, die hier in Begleitung ihres Bräutigams die Kulisse nutzen, um sich professionell fotografieren zu lassen. Wir erfahren, dass Rot die Farbe des Glückes ist. Aha, nun verstehen wir, warum sich alle Hochzeitskleider so ähneln.

Heute können wir es einmal wirklich ruhig angehen lassen. Nach einem schmackhaften Mittagessen in einer Raststätte erfahren alle, dass Manfred Geburtstag hat. Er erhält ein ehrenvolles Ständchen, alle anderen ein Reisschnäpschen. Im Nirgendwo namens Baoji (dennoch 3,7 Mio. Einwohner) erfreuen wir uns nun am Abend an uns und beschließen den Abend fröhlich bei Wasser und Bier. Manfred darf als einziger eine Geburtstagssuppe genießen, die Glück, Langlebigkeit und Vollendung symbolisiert. Ein sehr besonderes Geschenk. Von Chris als Vertreter der Reise-Organisation erhält er einen kleinen Paravant mit besonderen Blüten, die alle eine besondere Bedeutung haben. Welch besonderer Geburtstag!

 


Tag 13

 

Wir sind wie eine Schüssel auf dem Wasser.

Die Bewegung der Schüssel auf dem Wasser

wird nicht von der Schüssel,

sondern vom dem Wasser bewegt.

 

Also, wie so oft zuerst ein letztes Foto aus unserem letzten Hotel. Und wie immer auch von dort gleichzeitig ein Blick auf unbewohnte Hochhäuser, leer, ohne Seele.

Heute wird einfach "nur" Strecke gemacht, 480 km bis Lanzhou, der aufstrebenden 3 Millionen Stadt, die schon immer eine wichtige Rolle auf der alten Seidenstraße gespielt hat. Bis dahin aber wollen viele Stunden Fahrt bewältigt werden, denn 90km/h sind Höchstgeschwindigkeit auf den gut ausgebauten Autobahnen.

Wir wissen mittlerweile, dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, denn auch auf der Fahrt ist immer für Abwechslung gesorgt. Walter und Michael halten immer wieder Kurzvorträge und lassen dabei auch spannende persönliche Geschichten einfließen, die uns dieses wunderbare Land noch näher bringen. Unser Fahrer gibt hin und wieder einen seiner Witze zum besten.

Wir singen unseren Udo-Song, hören zeitweise indische Sitar-Musik, trinken unsere letzten Reisschnaps-Tropfen und genießen immer wieder unsere Pausen auf den leeren Raststätten, um die heiligen Hallen zur inneren Harmonie aufzusuchen. Dabei sind wir stets Attraktion für Passanten, Lkw-Fahrer, Arbeiter und Angestellten der Aufenthaltsorte. Strahlend kommen uns die Menschen entgegen, machen Fotos vom Bus oder uns, lassen sich fotografieren oder besteigen schnell mal neugierig unser Zuhause - immer freundlich, direkt und ohne Scham. Wir fühlen uns wirklich willkommen.

Fasziniert bin ich von der Veränderung, die landschaftlich während der ca. 7 Stunden Fahrt vonstatten geht. Erst noch üppige Vegetation in hügeligen wunderschönen Berglandschaften, wie ich sie noch nie gesehen habe, wird die Umgebung immer karger, bleibt aber abwechslungsreich und voller Überraschungen. Obwohl wir immer wieder Hochhausruinen passieren, tauchen mehr und mehr kleine Ortschaften, ja Dörfchen oder Einzelgehöfte auf, die zuerst noch betoniert oder gemauert sind, nach und nach aber einfach aus Lehm hochgezogen wurden. Oft entdecken wir aber auch die Eingänge zu Höhlenwohnungen in den Felsen, die früher noch von den Ärmsten der Armen bewohnt waren.

Alle Hügel und Gebirge, die wir in China bisher gesehen haben, waren durch kultivierte Terrassen aufgegliedert. So auch hier, obwohl keine Pflanzungen mehr zu sehen sind. Was mich am allermeisten überrascht sind die Parzellen an Land, die die Chinesen jeweils für ihren Lebensunterhalt vom Staat pachten können. Davon leben sie. Und es sind tatsächlich kleine Bereiche, die unterschiedlich bepflanzt sind. Gut erkennen kann man momentan die blühenden Maisfelder. Ich habe noch nirgends Großflächen entdecken können, so wie sie uns in Deutschland mittlerweile fast ausschließlich begegnen.

Unterwegs überrascht uns ein kleiner Sandsturm. Wir fragen Walter, ob er den auch noch extra für uns organisiert hätte. Tatsächlich kann man nun aber bestens den sandigen Lehm erkennen, der sich hell auf die Felder niederlegt. Wir fahren ja auch entlang des berühmten Gelben Flusses, der aufgrund dieser besonderen Erdfarbe seinen Namen erhalten hat.

Von unserem Hotelzimmer in einem luxuriösen Hotel, in dem wir gerade zu Abend gegessen haben, kann man ihn nun bestens beobachten. Lanzhou ist übrigens die einzige Stadt in China, durch die der Gelbe Fluss mitten hindurch fließt. 50 km lang.


Tag 14

 

Nachdem uns Herr Xu (gesprochen Schü), unser heutiger lokaler Reiseführer beteuert, dass wir im besten Hotel der ganzen Stadt untergebracht sind, macht er uns mit den Besonderheiten seiner Heimat vertraut.

Lanzhou ist eine „kleine“ Stadt – sie liegt an 131. Stelle aller chinesischen Großstädte – mit ihren 3,6 Millionen Einwohnern. Mit Zahlen will ich nicht langweilen, muss aber erwähnen, weil es mich dann doch beeindruckt, dass die Stadt nur 3 km breit ist – und 50 km lang. Geteilt wird sie durch den legendären Gelben Fluß, der nur hier überhaupt eine Stadt durchfließt.

Erst vor 2 Tagen wurde am Bahnhof eine weitere Station des Hochgeschwindigkeitszuges eingeweiht, der immer mehr Städte miteinander verbindet, häufig in einem Viertel der gewohnten Zeit. Diese Millionenstadt ist gerade dabei, ihre erste U-Bahn zu bauen. Erstaunlich.

Es werden hier zwei Pflanzen besonders geehrt: die Rose und die Akazie. Erstere wird im Umkreis kommerziell angebaut und liefert die Hälfte der gesamten chinesischen Produktion an kostbarem Rosenöl (ca.300 kg).

Die Akazie wiederum wird traditionell für den Stadtbau verwendet, begegnet uns jedoch überraschenderweise in einem gut erhaltenen buddhistischen Kloster am Hang der Stadt als uraltes Exemplar wieder. Ob sie wirklich aus der Tang-Zeit stammt (618-970) ist schwer zu bewerten. Unsere Truppe erklimmt nun Stufe um Stufe ein weiträumiges Areal hinauf zu den Tempeln, die eindrucksvoller kaum sein können. Bei 37° C in 1500m Höhe dann doch schweißtreibend, aber sicherlich unvergesslich.

Wie so oft begegnen uns in der Haupthalle die Buddhas der drei Welten, der der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft; man darf sie aber auch als Verkörperung des westlichen Paradieses betrachten, den der Mitte oder den des östlichen Paradieses.

Auf der Rückseite steht in voller goldener Pracht ein Bodhisatva, der mit seiner richtungsweisenden Waffe anzeigt, wie das Kloster mit Pilgern umzugehen gedenkt: zeigt sie nach oben, sollte der Pilger schleunigst eine neue Bleibe suchen. Richtet sich die Spitze nach unten, ist er ein herzlich willkommener und gern gesehener Gast, der auch die Nacht hier verbringen darf.

Dabei schreitet der Pilger durch ein ornamentenreiches Tor, welches als „Leiter zum Paradies“ übertitelt ist. Hier nun teilt sich der Weg. Wie entscheidet er sich? Links führt die Treppe zum Paradies über die Karriere, rechts über den Reichtum. Blickt er kurz zurück, werden seine Augen am gleichen Tor auf folgendem Schriftzug ruhen. Eine Mahnung sagt: „Nach unten zu gehen ist schwieriger, als nach oben“.

Oben angelangt sind die 5 Quellen zu besichtigen, für die die Anlage bekannt ist und die der Sage nach einem General und seinen Mannen das Leben gerettet hat; die Mondquelle beispielsweise ist so angelegt, dass am 15. August gemäß des Mondkalenders sich der Mond exakt in der kreisrunden Wasseroberfläche spiegelt.

Die großzügige Anlage lädt zum Verweilen ein. An allen Ecken gibt es prachtvolle Einblicke in das Leben der Buddhisten. Der Blick auf die moderne Stadt Lanzhou ist überwältigend. Aber wir müssen zurück zu unserem 2. Zuhause, dem Bus. Dabei durchqueren wir ein lebendiges geschäftiges Treiben. Vergnügen ist angesagt und überall spürbar. Gelassen wird gebetet, getanzt, gesungen, meditiert. Es ist scheinbar egal, an welcher Ecke. Lächelnd werden wir Langnasen rundum bestaunt, gegrüßt, zum Foto machen eingeladen.

Die Hitze hat uns zugesetzt. Also bietet uns Her Xu an, entweder die weiße Pagode und das darunterliegende Nonnenkloster zu besichtigen und dabei den Fluss über die einst von deutschen Ingenieuren erbaute eiserne Brücke zu überqueren oder an dem Gelben entlang zu schlendern. Die meisten entscheiden sich für Letzteres und finden sich am Ende beim Tee der 8 Köstlichkeiten ein. Es ist schön, einfach an diesem wilden Fluß zu sitzen, die Schweinehautflöße zu hinterfragen, die für Überfahrten genutzt werden können und dabei 3-4 Aufgüsse gemütlich unterm Sonnenschirm zu schlürfen.

Litschi, Datteln, Goij-Beeren, Kandiszucker, grüner Tee, Rosinen, getrocknete Aprikosen und Rosinen sind die Hauptbestandteile der Köstlichkeit.

Wir lassen den Tag in entspannter und sehr fröhlicher Runde in lauwarmer Luft draußen ausklingen. Über unseren Köpfen schweben bunt schimmernde Drachen und entführen uns in eine traumreiche Nacht... 

 


Tag 15

 

Damals noch legten die Karawanen auf unserer Seidenstraße 30-40 km /Tag zurück, wir benötigen 7 Stunden für 509 km bis zu unserem Ziel Zhangye.

 

Im Drachentempo sozusagen überfliegen wir atemberaubende Landschaften, sehen unterschiedliche Vegetationsstufen, streifen Lehmdörfer, Stadtsilhouetten. Ich muss sagen, es ist unbeschreiblich, im wahrsten Sinne des Wortes. Man kann die Eindrücke visuell sammeln und tief im Inneren wirken lassen. Mich begleitet meine persönliche Reisehymne „Believer“, Imagine Dragons, welche die Monumentalität noch unterstreicht. Wir sehen Lavendelfelder und begegnen wieder neugierigen und freundlichen Menschen. Kurz vor unserem Ziel setze ich mich zu Michael und Daniel, unserem heutigen Fahrer ins Cockpit, um die Weite nach vorne noch mehr zu genießen.

 

Zhagye ist bekannt für den Tempel des Großen Buddha (Dafo Si). Die Sonne taucht den hellen Platz in silbriges Patinagrau. Wir besuchen einen der größten liegenden Buddhas der Welt. Er hat ein schönes sanftes Gesicht und ist mit seinen 34,5 m ins Nirwana eingegangen. Leider darf man nicht fotografieren. Aber auch hier bleiben Eindrücke zurück, denn der Raum hat eine sehr dichte Atmosphäre.

 

Heute sitzen wir mal nicht in Separees zum Essen zusammen, sondern speisen in einem Restaurant im Hotel. Ein denkwürdiger Abend. Liebe Freunde, manchmal ist schweigen besser als zu viele Worte zu verlieren.

Nachdem wir draußen den anmutig tanzenden Frauen bei ihrer Abendbeschäftigung zugeschaut haben, sammeln wir uns spät zu einem Vortrag von Walter, der uns Buddha nochmals aus anderen Perspektiven nahe bringt.


Tag 16

 

Binde zwei Vögel zusammen und sie werden nicht fliegen,

obwohl sie vier Flügel haben.

 

Niemand ahnt an diesem Morgen, dass wir bald mit offenem Mund an einem der 10 schönsten Landschaftsgebiete dieser Erde stehen werden.

Früh, nach dem Beobachten der Tai Chi Ausübenden vor dem Hotel machen wir uns auf, um vor den anderen Neugierigen den Danxia Geo Park zu finden, der erst seit wenigen Jahren touristisch erschlossen ist. Gut für uns, denn auf diese Weise wirkt das Naturschauspiel unverfälscht in seiner ganzen Monumentalität. Erst langsam trudeln dann doch die bunten Heerscharen aus den Weiten des Landes ein. Diesmal ist es auch gut, dass bei 37° C die Sonne scheint, denn so leuchten die bizarren Felsformationen in einer Farbenpracht, die sich vor dem mit Cirruswolken getupften Himmel mit einer berückenden Dringlichkeit abheben. Mit Shuttle-Bussen fahren wir jeweils neue Anlaufstellen an. Entschuldigt bitte nochmals, liebe Silvia, Jürgen, Günter, Ilona, Renate und Jürgen, dass ich just in diesem Moment meine durchgerüttelte Cola-Dose öffne...

 

Jiayuguan ist unser Ziel, fast ein Dorf mit seinen 230 000 Einwohnern. Bekannt ist dieser Ort, der sich wie bei so vielen anderen Städten teilweise als Geisterstadt vor uns auftut (leerstehende Prachtbauten, allerneueste Straßen, frisch und bunt bepflanzt, aber kein Leben, keine Menschen), durch die letzte große Festung als Teil der Großen Mauer.

Eigentlich wünsche ich mir, einmal alleine zu sein an diesem Tag. Es ist heiß, die Eindrücke sind vielfältig. Aber wie so oft auf dieser Reise passiert genau in solchen Situationen mein Glücksmoment. Oben in der Anlage erklingen plötzlich dumpfe Trommelschläge. Da kann ich nie widerstehen. Ich folge also blindlings und finde mich an einem Platz ein, der gerade wieder für eine neue Kampfvorführung bereitet wird. Sie wird nicht angekündigt und so bin ich die einzige, die direkt vor den kämpfenden Kung Fu "Kriegern" steht. Da läuft mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper, wie gesagt: es herrschen 37° C.

Langsam füllt sich der Platz, aber die Intensität der Aufführung bleibt bestehen.

 

Die Matratzen in den Hotels werden von Ort zu Ort im Laufe der Reise immer härter. Diesmal fühlt es sich brettlhart an, aber es schlafen alle nach diesem besonderen Tag wie eingesunken in butterweichen Federn.

 


Tag 17

 

 Meinem Neugeborenen zur feierlichen Waschung am dritten Tag (Su Schi, 1036-11101)

Die Menschen alle ziehn sich Kinder

und wünschen, dass sie klug und fein;

So galt auch ich für klug und weise,

und doch mißriet mein ganzes Sein.


Da wünscht ich schon, das Söhnlein wäre

einfältig, ja gar eselsdumm,

Und brächt es ohne Not und Fährnis

bis hoch ins Ministerium.

 

Der große Vorsitzende Mao sagte einst: Wer ein echter Held sein will, muss auf der Mauer gewesen sein. Ein bisschen Heldin will auch ich heute sein und nutze die Gelegenheit. Endlich liegt sie vor uns, die Große Mauer. Ich steige tatsächlich ein paar Stufen hoch und setze mich dann zwischen die Zinnen, denn noch ist die Umgebung menschenleer und ich genieße die Höhe und Weite auf diesem Teil der Großen Mauer: der hängenden Mauer. Ein Kuckuck ruft, die Gruppe befindet sich in gelöster Stimmung. Der "lachende" Walter verteilt ein paar Pfirsiche, die er direkt aus dem benachbarten Garten kauft.

Wir fahren weiter durch die Gobi und erfahren von Walter viel Wissenswertes über das Kamel - ein Tier der Zukunft mit all seinen Gaben (Leder, Haare, Fleisch, Milch, Antikörper etc.).

Geröll wechselt mit fruchtbaren Vegetationsbereichen hin zu Sandgebieten; wir erleben aber auch aktiven Straßenbau oder Windkraftanlagen auf der weiteren Strecke. Es herrscht recht reger Verkehr, auch die Zuglinie ist permanent befahren (ca. alle 20 Minuten ein Güterzug). Die Straße ist nach wie vor hervorragend vierspurig ausgebaut.

Mitten in der Wüste eine Rast: der warme Wind ist so stark, dass ich mich hineinlehnen kann.

Bald durchqueren wir Melonenland, dann weiter Sandgegenden. Leises Geschnarche wiegt alle ein. Wir schauckeln dahin, bis wir unser abendliches Ziel erreicht haben: die Oasenstadt Dunhuang, einst eine alter Handelsknotenpunkt.


Tag 18

 

 

Wir befinden uns bereits in einer Oasenstadt und bewundern, wie Pappeln, Weiden und andere Bäume in den Straßen Schatten spenden. Dennoch möchten wir jetzt endlich den Magneten kurz hinter den letzten Hausfluchten Dunhuangs aufsuchen. 

Hierher hat uns auch Lily begleitet, die heimische Stadtführerin, die jedoch nur in Englisch kommuniziert, was für einige von uns etwas schwierig ist. 

Vor uns ragen bereits hohe goldgelbe Dünenhügel auf. Bilderbuchmäßig. Wer sich im Wüstenbilderbuch bewegt, sollte auch unbedingt einmal ein Kamel besteigen. Wir hörten gestern im Vortrag über Kamele, dass sie besonders lange Wimpern haben, um sich so vor dem Sand zu schützen, der ihnen ja regelmäßig ins Gesicht weht. Also schaue ich mir ihre Gesichter auch genau an. Jedes einzelne Tier ist durch eine interessante Individualität gekennzeichnet. Und nun schaukeln wir in einer unendlichen Karawane mit vielen vielen anderen modernen Nomaden durch den Wüstensand. Wenn man es sich ganz ganz fest vorstellt, dann erahnt man, wie es sich möglicherweise einmal in ganz früher Zeit angefühlt haben mag, Schritt für Schritt im weichen Sand einzutauchen und in meditativem Vor- und Rückschaukeln dem Westen entgegen zu blicken. Mir macht das großen Spaß, auch wenn mein schönes Kamel am Ende der Stunde mit einem anderen Kamel kollidiert und das Tragegestell mein Bein rammt. Der blaue Fleck breitet sich langsam über das gesamt Schienbein aus. Jetzt habe ich ein kleine andauernde Erinnerung. 

Temperatur heute: ca. 41° C. Wir gehen nun zu Fuß weiter. Schon von weitem erblicken wir auf geschätzten 200m Höhe Menschenmassen, die wie bei einer Schlittenpartie die gelben Sanddünen hinabsausen. Wie immer wird posiert und fotografiert. Ziel: der Mondsichelsee, der wunderschön im leuchtenden Sand liegt und als Oasenanlaufstelle seit alters her geschätzt wurde. Er wird unterirdisch durch einen Wasserlauf gespeist, der aus dem Schmelzwasser der Berge hier ankommt. Eine Pagodenanlage lädt zum Ausruhen ein. Aber das durch den Sand stapfen wird langsam richtig mühsam. Als wir am Bus ankommen, schaue ich in erschöpfte Gesichter. Ohne unsere Wasserflaschenvorräte ginge gar nichts mehr. 

Nach dem Mittagessen dürfen wir uns in den kühlen Hallen einer neu eröffneten Eingangshalle zu einer weiteren UNESCO Weltkulturerbe-Stätte zwei Filme anschauen, die uns in die Geschichte dieses Ortes einführen: den Mogao-Grotten. Sie gehören zu den 3 größten Grottenanlagen in China, gelten aber als die schönste und am besten erhaltene. Zu den dreien gehören die Longmen Grotten, die wir ja auch vor ein paar Tagen schon bewundert haben. 

In die Felsen wurden über verschiedene Dynastien hinweg (4.-12. Jh.) Höhlen geschlagen und in äußerster Kunstfertigkeit und Detailgetreue mit Buddhas, Bodhisattvas und Fresken bestückt, die das geistliche und alltägliche Leben darstellen. Aufgrund ihrer abgeschiedenen Lage entdeckte man die Höhlen erst sehr spät, weshalb sie im Original zu bewundern sind, jedoch langsam eine Konservierung angegangen werden muss. Es gibt 492 von 1000 gut erhaltene Höhlen, wobei die Wandmalereien eine Gesamtfläche von 45 000 qm bedecken! Im 19.Jahrhundert dann wurden durch einen Mönch sensationelle weitere Entdeckungen gemacht: 50 000 Schriften und Dokumente aus dem 4.-11. Jahrhundert. Merkwürdige Wege führten die meisten nach London, wo sie heute im Britischen Museum zu finden sind. 

In den steilen Felsen wurde u.a. der drittgrößte Buddha Chinas gemeißelt (34m hoch). Zu seinen Füßen erfasst mich Ehrfurcht. Das ist ein wirklich beeindruckender Anblick. 

Heute sind wir gut 10 km zu Fuß unterwegs. Die Sonne laugt alle gewaltig aus. Daher freuen wir uns auf die Abendüberraschung: ein Barbecue in der Wüste Gobi. 

Lily, unsere Reiseführerin führt uns zu ihrem Zuhause, wo uns ein heimisches Mahl erwartet. Wir sitzen draußen an einfachen Tischen, die Wüste unter unseren Füßen und ein wunderschönes Feuer vor den Augen. Wir können nicht glauben, dass uns das geschieht. Dann kommt Michaels Überraschung: er hat ein kleines Feuerwerk für uns organisiert und nun sitzen wir in der Wüste Gobi und erleben das Funkengestöber nur für uns! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. 

Zu guter Letzt aber auch etwas Trauriges. 

Seit über 2 Wochen sind wir 25 Menschen, bunt zusammengewürfelt, tagein tagaus miteinander unterwegs. Außer in den Nachtstunden sehen wir uns ununterbrochen, essen zusammen, trinken zusammen, lachen zusammen, singen zusammen, „leiden“ zusammen, staunen zusammen. Wir sind zu einem eingeschworenen, sich gegenseitig wohlgesonnenen Team geworden. Und heute Abend müssen wir Chris verabschieden, der wieder zurück nach Hamburg fliegt. Wir alle sind traurig und gerührt, denn er war ein Teil von uns. Alle spüren, dass der Abschied jetzt ein Loch in unser Gefüge reißt und hoffen, dass sich das bald wieder schließen wird. Gambei, Chris! 

Ein weiterer denkwürdiger Tag auf unserer ungewöhnlichen Reise geht zu Ende.


Tag 19

 

 

An einem Frühlingstag betrunken erwachen (Tang-Dynastie)

 

Das Leben geht so wie ein großer Traum dahin,

Und sich darin zu mühn, weiß wer den Sinn?

Von morgens bis zur Nacht hab ich getrunken.

Faul bin ich an der Schwelle hingesunken.

Da blinzelnd ich erwach, dring aus dem Garten vor

Ein Vogelruf vernehmlich an mein Ohr.

Ich frag verschlafen, welche Zeit es sein,

Und flatternd ruft die Amsel mir zur Antwort: Mai!

O wie mich das bewegt und mir die Brust beengt!

Den Reiswein habe ich mir wieder eingeschenkt,

Den hellen Mond erwartend laut gesungen,

Den Seufzer schon vergessen, als das Lied verklungen.

 

 

Ein alter Traum von vielen ist es, einmal die Wüste Gobi gesehen zu haben. Wir nutzen heute genau diese Chance. Die Straße verliert sich am Horizont. Die weiten Sandebenen zu unserer linken und rechten Seite ebenfalls, werden nur gesäumt von Strommasten, die den Blick in die Ferne ein wenig beschneiden. 

Walter berichtet über die Situation der Frau im alten und neuen China. Anschließend hören wir Michaels Sicht der Dinge aufgrund seines Wissens und seiner Erfahrungen im Alltag. Es ist jedes Mal erfrischend und authentisch, ihm zuzuhören. Seit der Gründung der Volksrepublik China 1949 ist die Emanzipation gefördert und in der Verfassung verankert worden und weit vorangeschritten. Vor dieser Zeit waren Frauen keine eigenständigen und anerkannten Wesen. Männer achteten sie nicht als ebenbürtig. Ihre Ehefrauen wurden von den Eltern ausgesucht, Ehen arrangiert und dienten nur dazu, Kinder zu gebären. Suchten Männer echte Liebe, fanden sie sie vor allem in Freudenhäusern, in denen normalerweise arme Mädchen eine hervorragende Ausbildung erhielten, um den Männern zu gefallen (Kalligraphie, Go-Spiel etc.) und dadurch zu ebenbürtigen Partnern auf vielen Ebenen wurden - was den eigenen Ehefrauen verweigert war. 

Da die Landschaft nun im Gleichklang an uns vorüberzieht, beschließen wir, uns einen chinesischen Film im Bus anzuschauen. Er beschreibt, passend zu unserem Thema, die Zeit aus den 70er bis heute: „Balzac“ (eine kleine Liebesgeschichte). 

Mittlerweile fahren wir am Tianshan Gebirge vorbei. Schneebedeckte Gipfel in der Ferne. 

Wir landen in einer weiteren Oasenstadt: Hami. Die Stadt, nach der auch die Hami-Melonen benannt sind, denn hier ist DAS Anbaugebiet der süßen Früchte. Köstlich. 

Momentan bin ich von all unseren Eindrücken der letzten Tage sehr gesättigt und heute steht auch kein weiteres Programm an. Dennoch können wir auch vom Bus aus gut wahrnehmen, dass sich die Lebensart erneut deutlich sicht- und spürbar verändert hat. 

Wir hören von Michael, dass wir die größte Provinz Chinas betreten haben, die nur ca. 25 Millionen Menschen beherbergt, aber deutlich von Unruhen mitgeprägt ist. Die Tankstellen an der Strecke sind mit Sicherheitsdraht und Barrikaden bestückt, Kontrollen werden zum Alltag. Der Eintritt ins Hotel funktioniert nur, indem wir unser Gepäck durch einen Sicherheitsscanner jagen. 

Draußen überblicken wir vom Bus aus die Innenhöfe der ärmeren Vorgebiete. Einfachheit ist hier das allumfassende Stichwort. Zunehmend dann wohlhabende Fassaden und gepflegte kleine Parks. Wir sind hier faktisch in einer Oase und bestaunen den Grüngürtel, der sich durch die Stadt zieht.

Am Abend dann doch noch eine kleine außergewöhnliche Situation. Die Suche nach einer Bar haben wir eigentlich schon aufgegeben - bis wir den Tipp erhalten, doch in den Keller zu fahren. Die Aufzugstüren öffnen sich und unsere kleine Truppe steht in gleißenden Discolicht, empfangen von vielen Angestellten und Polizisten. Wir werden gescannt und in ein Séparée geführt, in dem es ebenfalls blitzt und blinkt. Vom Spiegelflur gehen noch mindestens 10 Zimmer ab. Wir sind irritiert, bis die beflissenen Angestellten die Fernseher einschalten - ahhh, eine Karaoke-Bar. Wir haben noch viel Spaß an diesem Abend ;-)

 


Tag 20

 

 

Wir machen uns auf ins Land des Feuers – den heißesten Ort Chinas: Turpan. 

Wir wollen nicht glauben, dass uns dort bis zu 50°C erwarten könnten, denn der Himmel ist schwer behangen und als wir auf halber Strecke zum ersten Mal aussteigen, fallen vereinzelte Regentropfen auf unsere Haut!! Regen in der Wüste Gobi. Mehr und mehr verdunkelt sich auch die Wüste. Schwarze bis rostbraune Erde und immer mehr Hügelketten bis hin zu den nahe gelegenen prächtigen Gebirgssilhouetten werden von Mozarts Klaviersonaten tonal untermalt. 

Immer mehr bewegen wir uns entlang der Seidenstraße in eine Gegend hinein, in der sich seit über 2000 Jahre eine Vielfalt an unterschiedlichen Ethnien begegnet sind und bis heute begegnen. Es gibt offiziell 56 Ethnien in China. Die größte mit 92% ist die der Han-Chinesen (bezieht sich auf die kulturprägende Han-Dynastie 206 v. – 220 n.Chr.). 47 der restlichen 55 Ethnien tummeln sich in dem Gebiet, in das wir nun hineinfahren. Obwohl die chinesische Regierung offiziell verankert hat, dass sie größtenteils ihre Traditionen und Riten beibehalten und pflegen dürfen, existieren große Unzufriedenheit und Missstimmungen auf beiden Seiten, die sich dann in Unruhen äußern. Tatsächlich werden nach jeder Maut-Stelle unsere Papiere und Pässe überprüft. Helme, Schutzschilde, Schlagstöcke etc. sind sogar in kleinsten Läden „drapiert“. Polizei und Kontrollen sind schwer präsent. Bis wir endlich in einem muslimischen Restaurant zum Essen kommen, haben wir im Park und im Restaurant jeweils eine Scanner-Station mit bewaffneten Polizisten passiert. Sogar die heiligen Hallen der inneren Harmonie werden von ihnen bewacht.

Die dominierende Ethnie um die Turpan-Oase herum ist das muslimisch geprägte Turkvolk der Uighuren, die 2/3 der Bevölkerung ausmachen. Turpan selber ist eine moderne Stadt. Die dazu gehörigen untergegangenen Ruinenstädte Jiahoe und Gaochang sind es, die unseren Michael geradezu ins Schwärmen geraten lassen.
Jiahoe ist eine für die Zeit der Seidenstraße strategisch besonders günstig gelegene Stadt. Sie liegt erhöht auf einem malerischen Felsenplateau in ovaler Blattform. Wir sind überrascht. Schon wieder ein Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Diesmal sind die Temperaturen über 41°C gestiegen und für alle besonders belastend. Brütende Hitze, kein Schatten. Niemand jedoch will auf diesen Anblick verzichten, der verführerisch bei jedem Schritt neu herausfordert. Dicke Mauern, die nicht hochgemörtelt, sondern erst mit Erde und Gestein aufgehäufelt und dann tief in die Erde gegraben wurden, säumen immer noch bestens erkennbar unseren Weg. Eine ganze Stadt liegt vor uns in ihren Ruinen. Wir besuchen den Tempel und das Haus der ehemaligen Generalität. Überwältigend! Grandios! Wir haben die Stadt quasi für uns, denn es sind so gut wie keine anderen Menschen hier außer uns. Das blühende und stolze Jiahoe wurde im 14. Jahrhundert durch einen Krieg gegen die Mongolen dann doch zerstört.

Wir spüren eine Veränderung an dieser neuen Stätte. Die Menschen wirken zwar immer noch freundlich, aber deutlich verschlossener, vorsichtiger in den Begegnungen mit uns.

Aufgrund der Informationen, die wir von Michael erfahren haben, können wir ein wenig ahnen, woher diese Grundhaltung stammt.

Wir lassen uns jedoch nicht verdrießen und schaffen es, eine Flasche Wein aus dieser Oase zu ergattern und in kleiner Runde zu verkosten. Das ist ja schon ein besonderer und sicherlich einmaliger Moment, Wein aus einem solchen Gebiet zu genießen! Wobei letzterer hier in großem Ausmaß angebaut wird. Immerhin liegt der Ort 80m unterhalb des Meeresspiegels!! Der beiliegende See 158m darunter! Überall sehen wir die Rebenanbauflächen und vor allem die dazu gehörigen, aus Ziegeln mit offenen Zwischenräumen erbauten Trockenhäuschen für Rosinen. Kilometerweit sind sie entlang der Straße nach Turpan aufgereiht.

Heute ist Dr. Hans-Wilm Schütte zu uns gestoßen, einer der am meisten gelesenen Sinologen, der uns die nächsten Tage bis an die chinesische Grenze begleiten wird.


Tag 21

 

Vom heutigen Tag bekomme ich nur wenig mit. Mich hat eine Schlafattacke erwischt. Weshalb nur bin ich so hundemüde? Ich schaffe es noch bis zum ersten Highlight und meinem Glücksmoment des Tages.

 

Die Besichtigung der zweiten Ruinenstadt Gaochang, die flächenmäßig noch bedeutendere Ausmaße annimmt als Jiahoe und in ihrer Blütezeit (Gründung in der Han-Dynastie; wie ihr bereits wisst: Anfang 206 v.Chr.) über 14 000 Einwohner beherbergte, liegt vor uns. Zwei Stadtmauern (innerer und äußerer Ring) sind noch richtig gut auszumachen, danach wird es mühsam, das massive Felsgestein Gebäuden zuzuordnen. Gut, dass wir aufgrund der Hitze mit Elektro-Shuttles durch den antiken Ort fahren, der ebenfalls zu den UNESCO Weltkulturerbe-Stätten gehört. Beim 2. Haltepunkt entscheide ich, im Shuttle zu bleiben. Unser junger Fahrer zieht daraufhin sein Handy hervor und lässt lokale Musik laufen. Endlich höre ich einmal das, was man hier musikalisch mag. Das erste Mal. Wir schlagen gemeinsam die Rhythmen und haben Spaß, nonverbal unsere Freude daran zu teilen. Hier sitzend und diese Klänge zu hören vereinfacht für mich das Hineinfühlen in die Kultur. Ich brauche das, denn nur Fakten anzuhören genügt mir bei einer Reise bei weitem nicht.

Bei unserem 3. Stopp raffe ich mich auf und folge der Gruppe zu den nächsten Ruinen. Kaum trete ich durch das Tor strahle ich. Unser junger Busfahrer sitzt auf einem alten Teppich und neben ihm zwei in teils traditionelle Kleidung gewandete Männer. Beide, ausgestattet mit einer Trommel und einem hiesigen Saiteninstrument, spielen ein altes Musikstück. Ich bin begeistert. Unser Fahrer fordert mich zum Tanz auf und ich mache natürlich mit. Wie ich mich freue, Leute!!! Wieder so ein Glücksmoment.

 

Wir fahren nun durch die abwechslungsreiche Landschaft der Oase und halten an, um uns die ungewohnte Methode des Weinanbaus zu Gemüte zu führen. Dabei werfen wir einen Blick in die Gebäude zur Trocknung der Rosinen, die in etwa 4 Wochen "reif" sind. Weinbau ist ein zukunftsträchtiges Geschäft, aber immer noch dominiert zu 80% der Rosinenhandel.

 

Danach aber geht nichts mehr. Weder begleitete ich unsere Leute zu den Grottenhöhlen (die eigentlich eine atemberaubende Geschichte haben) in den Flammenden Bergen, die ich gestern schon bewunderte, noch zum Museum, in welches uns Michael fakultativ eingeladen hat. Ich schlafe, schlafe, schlafe, anfangs noch quer im Bus, später im Hotel.

Erst am Abend bin ich wieder ansprechbar und verfolge mit großer Aufmerksamkeit dem Vortrag von Hans-Wilm Schütte, der die Entstehung und Entwicklung der Seidenstraße aus seiner Perspektive referiert. Gut, dass uns vieles schon bekannt ist. So lassen sich Fakten gelassen in ihre Zusammenhänge einordnen und neu hinterfragen, denn Namen, Zeiten und Geschehnisse sind sehr komplex.

 

Dennoch. Im Anschluss trifft Manfred beim chinesischen Bierchen in der Lobby einen deutschen Mitarbeiter von VW, der berichtet, dass der Autobauer gerade die größte Teststrecke der Welt im hiesigen Gebiet baut (Gesamtstreckennetz: 84 km). Seine zentrale Aussage: Hier ändert sich alles, nicht in Monaten, nicht in Wochen, täglich....


Tag 22

 

 

Gestern noch mit VW Leuten gesprochen und heute Morgen bereits die ersten Erlkönige vor unserem Hotel gesichtet. Spannend, was da wohl kommen wird. Wie wir erfahren sind die Nachfolger der Autos, die jetzt getestet werden und noch gar nicht auf dem Markt sind, bereits in der „Mache“. 

Aber zurück zu unserer Reise: 

Die Chinesen ehren bis heute drei höchste Errungenschaften in ihrer Geschichte: die Große Mauer, den Kaiserkanal und das Karez-Bewässerungssystem. 

Letzteres zählt zu den Meilensteinen antiker Ingenieurskunst. Wir befinden uns in der dritttiefsten Depression der Erde und fragen uns natürlich, wie die Menschen hier mit Wasser versorgt werden. In einem Museum in der Stadt Turfan verfolgen wir, wie vor über 2000 Jahren dieses unterirdische Kanalsystem mühsam in die Felsen gemeißelt wurde. Die Menschen, die dies ohne große Hilfsmittel in täglicher Dunkelheit und Enge und permanent im Wasser arbeitend erschufen, wurden nie älter als 30 Jahre. Das original durch das Museum fließende Gewässer wird noch heute genutzt. 

Aber wir müssen weiter. 

Auf unserem langen Weg nach Korla ist die Umgebung immer dünner besiedelt. Plötzlich befinden wir uns im Gebirge. Von der kargen Wüste ins wüste Gebirge. Unwirtlich, felsig und schroff ragen die dunkeln Gesteine links und rechts von uns auf. Als wir kurz am Straßenrand rasten, hängt ein widerlicher Gestank in unseren Nasen. Beim Blick in den vor uns liegenden Abgrund erkennen wir abgekippten Müll und – diverse ausgewachsene tote Schafe, die einfach abgeworfen worden waren. Mitten im absoluten Nichts. 

Eigentlich soll es eine kleine Zeremonie werden, wie wir uns auf dem Bus mit unseren Namen verewigen. Dies geht jetzt aber aufgrund der olfaktorischen Herausforderung sehr schnell. Erst im Bus gibt es einen Umtrunk: auf uns! 

Rings um uns herum wird es tatsächlich noch unwirtlicher. Wir werden jedoch abgelenkt. Michael erklärt uns das chinesische soziale Versicherungssystem (Kranken-, Alters-, Arbeitslosenversicherung). Die Chinesen sind mit ihren Maßnahmen erst in den Anfängen (die Landbevölkerung beispielsweise hat diese Chance, sich zu versichern noch nicht), aber offensichtlich herrscht der Wunsch nach einem System, wie man es aus Europa bzw. Deutschland kennt. 

Die Straße wird fast nur noch von langen vollbeladenen Lkw befahren. Wir passieren frisch geschorene Kamelherden. Langsam wird es wieder grüner. Korla kommt in Sicht, eine Stadt, die erst 1979 gegründet wurde und mittlerweile über 600 000 Einwohner beherbergt. Obwohl mongolisches Ursprungsgebiet leben hier ca. 60% Han-Chinesen. Sie siedelten sich aufgrund der großen Erdölfunde an, die dieser Stadt sichtbar zu Wohlstand verholfen haben. Zwar als Stadt mehr oder weniger gesichtslos erleben wir eine Prosperität, wie wir sie zuvor lange nicht mehr gesehen haben. Schmucke BEWOHNTE Hochhäuser, belebte Straßen, zuvorkommende Menschen, viele Autos verändern die Atmosphäre. Ich muss betonen, dass wir uns immer noch am Rande der Gobi-Wüste bewegen, abgelegen, heiß und ansonsten unbewohnt. Aber offensichtlich gibt das Wasservorkommen hier eine große Sicherheit für die Zukunft: der Boston See hat eine Länge von 800 km und führt somit einen scheinbar unerschöpflichen Wasservorrat mit sich. 

Am Abend erobern ein paar Unersättliche das pulsierende Leben der Stadt.


Tag 23

 

Kucha ist das nächste Ziel, knappe 300 km entfernt; ca. 6 Stunden sind dafür veranschlagt.

Wir bewegen uns in einer eintönigen Wüstenlandschaft. Viele dösen vor sich hin, kleine Vorträge wechseln sich ab. Irgendwann muss eine Tankpause eingelegt werden. Hier erleben wir hautnah, wie es an allen Tankstellen zugeht. Die Busse dürfen nur leer und mit dem Fahrer hinter die bewachte und umzäunte Anlage fahren. Alles wird geprüft, während wir zum Ausgang marschieren.

Einige von uns nutzen dies zu kleinen Dehnübungen. Irgendwie wirkt das uneinheitlich, undefiniert. Kein Problem. Ein Einheimischer erbarmt sich und schon sieht die Sache doch ganz anders aus. Fast könnte man so bereits am nächsten öffentlichen Platz auftreten. Ich werde das gleich mal vorschlagen.

Ich habe den Eindruck, dass ein paar Herren nicht richtig ausgelastet sind. Sie versuchen sich in Gartengestaltung bzw. -Verschönerung. So lasst uns denn ein Bananenbäumchen pflanzen. Unzufrieden mit den zerrupften Plastikbäumen werden diese einfach neu bestückt. Ich glaube, unsere Männer sind ziemlich stolz auf ihre Arbeit...

Nach langer Fahrt endlich kommen wir zum nächsten Ziel, ebenfalls UNESCO Weltkulturerbe (ich weiß gar nicht, wie viele wir bisher besucht haben, ohne dass ich darauf aufmerksam wurde): die Klosterstadt Subashi, ebenfalls stark "ruiniert". Das wirklich schwer Beeindruckende an dieser Stadt ist das Hintergrundpanorama. Außer uns ist mal wieder kein Mensch vor Ort außer den beiden Wächtern, die es sich im Schatten bequem gemacht haben. So haben wir die Weite vor uns für uns. Es ist ein wunderbarer Anblick!

Dann fahren wir langsam in die Stadt ein, die sicher keinen großen Eindruck hinterlässt - jedoch die Erinnerung daran, dass wir noch nie so viele Polizisten gesehen haben. An jeder Ecke stehen sie schwerst bewaffnet, gepanzerte Fahrzeuge, Kontrollen, Umzäunungen, Straßensperren. Meinem Gefühl nach ist es gut, diese Stadt morgen wieder zu verlassen. Aber erst nachdem wir einen schönen Abend hier verbracht haben.


Tag 24

  

Wir verlassen Kucha. Stadtauswärts sind die tags zuvor passierten Straßensperren offen. Passanten ziehen gelassen ihrer Wege. Ältere Frauen tragen gerne durchscheinende zarte Kopftücher, von glitzernden Silber- oder Goldfäden durchwirkt, während jüngere höchstens hin und wieder ein schmuckes Käppchen zur Schau stellen, das aber ebenfalls unbedingt irgendwo durch aufgenähte Pailletten in der Sonne aufleuchten muss. Auch die Kleidung ist von fremdartigen ornamentreichen Mustern bestimmt.

Unser Ziel ist Kizilgaha („der Wohnsitz des Mädchens“). Das wird zum kleinen Abenteuer. Da sich die Straßensituation durch bauliche Maßnahmen gravierend verändert hat, fahren wir wieder zurück in die Stadt und nehmen eine ruckelnde Alternativstrecke durch Wohngebiete, die offensichtlich gerade in großem Stil abgerissen werden. Just am Ende der Straße dann eine kleine Überraschung: Einbetonierte Baustellenpoller verhindern unsere Durchfahrt.  Das bedeutet: Rückwärtsfahren ist angesagt. Bravourös meistert Jens dieses diffizile Manöver. Nun bewegen wir uns auf vielen Seit(d)enstraßen weiter, stören unbeabsichtigt die Ruhe eines Friedhofes, überqueren rumpelnd ein Flußbett und gelangen dann an das letzte westliche bauliche Zeugnis der kaiserlichen Han-Dynastie vor 2000 Jahren, einen 13m hohen Signal- oder Wachturm, wie wir sie auf der ganzen Strecke schon vielfach gesehen haben; er diente einem System, welches mithilfe von Feuer- und Rauchsignalen (hergestellt aus getrocknetem Wolfsdung) speziell bei Bedrohungen durch feindliche Heerscharen Nachrichten übermitteln konnte.

Wir befinden uns im uigurischen autonomen Gebiet Xinjiang.

Erneut erwarten uns spektakuläre Ausblicke. Wir durchqueren einen Nationalpark (Buddhala Landscape). Unglaublich bizarre Felsformationen, in leuchtenden Farbsegmenten erstrahlende mächtige Bergkönige werden überwunden, um von ausgewaschenen lehmfarbenen Hügelkuppen wieder abgelöst zu werden. Dann Weite, eingesäumt von Bergketten, im Hintergrund schneebedeckte Gipfel. Anblicke, wie sie mein Auge noch nicht gesehen hat.

Die Buddha-Grotten von Kizil lassen uns innehalten. Eine letzte Kurve – vor uns breitet sich ein atemberaubendes Tal aus. Das tief gefurchte Gebirge dahinter wirkt wie eine riesige, in nachdenkliche Falten quer gelegte Stirn. Unter einer schattenspendenden Pappelallee flanieren wir zu den Felsen, wo sich die Grotten in die Wand schmiegen. Viele entscheiden sich hinauf zu steigen, ich dagegen möchte lieber anderen geheimnisvollen Pfaden des Buddha folgen (vor allem deshalb, weil es verboten ist, den Fotoapparat mit hinauf zu nehmen). Und so entdecke ich, mutterseelenalleine, auf verschlungenen Wegen einen zauberhaften See, entdecke Fauna und Flora ganz für mich, breche cumarin-berauschenden Steinklee und schlage drei Mal die große schwere Glocke, deren voller dunkler Klang sicher hinauf zu den Grotten schwillt.

Nur langsam trudeln unsere Leute zum einfachen Mittagsmahl ein. Statt der einen Stunde, die Michael für den gesamten Besuch an diesem friedlichen Ort ankündigte, werden es fast 3 Stunden – ist für uns ok. Die Verursacher der Verspätung schulden uns heute Abend diverse Runden Flüssiges…

Wir fahren den gleichen Weg zurück, da uns verstärkte Straßenkontrollen (mind. 6-8) angekündigt werden und von hier aus weiter nach Aksu. Unterwegs ruft uns der „lachende Walter“ zu: „Der Läufer, der VW, da sind sie!!“ Diesen Erstgenannten, Kai Markus, mitsamt seinen Begleitern wollten wir eigentlich heute Abend an unserem Ziel im Hotel persönlich antreffen. Der Marathon-Läufer, der sich vorgenommen hat, die Strecke Hamburg – Shanghai zu Fuß zu erobern, wird aber leider leider auf der Gegenfahrbahn gesichtet, was bedeutet, dass er bereits weitergelaufen ist. Diesen Mann hätte ich zu gerne kennengelernt.

Michael erklärt nun, wie Wüstenboden halbwegs urbar und zu nutzbarem Ackerboden umgewandelt werden kann. Es dauert mindestens 3 Jahre, bis das Salz ausgewaschen und die Erde zur Bepflanzung bereit steht. 60% der Gesamtanbaufläche an Baumwolle befindet sich hier im Gebiet Xinjian. Saisonal müssen für die Ernte Wanderarbeiter angestellt werden(August/September).

Auf Nachfrage "übersetzt" uns unser immer ansprechbarer und hochgeschätzter Michael auch kurz die Bedeutung der chinesischen Fahne. Der größte Stern verkörpert die Partei. Die anderen vier jeweils die Arbeiter, die Bauern, die Intellektuellen und die „patriotischen Kapitalisten“. Wunderbar. Jetzt wissen wir auch das. Danach erhalten wir einen kurzweiligen und informativen Abriss über Maos Leben und Wirken.

Heute ist es spät bei der Ankunft in Aksu. Die Sonne beginnt zu sinken, als wir nach einer Odyssee hungrig neue kulinarische Genüsse von unseren Eßstäbchen knabbern und dann ohne weitere abendliche Aktivitäten erwartungsvoll dem neuen Tag entgegenschlafen.

 


Tag 25

 

 Unser Küken Iris hat heute Geburtstag. Sie wird 41. Das wird beim rituellen mittäglichen Schnapsguss erstmalig gewürdigt, aber erst am Abend so richtig gefeiert werden. 

Zunächst aber müssen wir zu unserer letzten (!) Station in China reisen: Kashgar. Wer glaubt, dass sieben Stunden Fahrt durch die Wüste langweilig seien, irrt gewaltig. Ständig wechselt die Landschaft. Rechts von uns fahren wir immer am Himmelsgebirge entlang, aber die Farben und Formen der Gebirgsformationen sind so unglaublich intensiv und vielfältig, dass man sich hier gar nicht satt sehen kann. Wendet man den Blick dann wieder nach links bietet die Wüste ebenfalls ständig ein neues Schauspiel: Salzkrusten, Erdspalten, verschiedene Sandfarben, grüne Sträucher, gelbe Sträucher, Gräber, Hügel, Seen und Pfützen soweit das Auge reicht. 

Die Mittagsrast an der Autobahn gestaltet sich wieder lustig. Wir werden familiär empfangen und speisen erstmals draußen an der frischen Luft. Die Zubereitung des Essens durch den Koch (ein Albino) erscheint vielen hygienisch gesehen als etwas fragwürdig, deshalb verzichten sie. Ein paar von uns wagen es und wir werden geschmacklich nicht enttäuscht. Alles andere ignorieren wir, haben dafür aber viel Spaß miteinander. Ich liebe die wunderschönen Kindergesichter in diesem Land und freue mich über die beiden, die ohne Berührungsängste mit Augen, Gesten und Körpersprache lebhaft mit mir kommunizieren. Draußen steht ein riesiger Diwan - Günther probiert ihn aus. Ob hier die ganze Familie schläft? Oft schon beobachtete ich im Land, dass die Betten vor der Haustüre stehen und immer wieder lag auch der eine oder andere schlummernd oder dösend auf der Pritsche. Aber soooo überdimensioniert gab es das dann doch noch nie. 

Der Abend wird zur größten Überraschung. Aksu hat uns ja so ein bisschen zurückgeworfen. Das Hotel, die Präsenz von Polizei und Militär, alles wirkte befremdlich und auch bedrohlich in diesem uighurischen Autonomiegebiet. 

Nun aber die neue Gastgeberseite in Kashgar: das Radisson Blue wird von einem Deutschen geleitet, der sich wirklich auf uns freut und uns aufs Allerherzlichste bei einem kleinen Stehempfang zusammen mit in traditionellen farbintensiven Trachten gekleideten Mädchen und Jungs mit Tee und köstlichen Leckereien begrüßt. Sichtbar löst sich ein dicker Kloß der Anspannung und befreit gickeln und gackeln alle wie aufgedrehte Teenager. 

Nachdem uns Herr Schütte noch einen seiner Vorträge vorgelesen hat, steigt beim Abendessen die Stimmung auf Höchstniveau! Das Essen ist hervorragend und wir feiern unseren Aufenthalt, Iris` Geburtstag und alles, was damit zusammenhängt; wer hat je gleichzeitig ein Geburtstagsständchen auf Chinesisch, Polnisch, Schwyzerdütsch und Deutsch bekommen? Fatal allerdings ist die Flasche Korn, die das Haus unserem Tisch spendiert. Danach gibt es offensichtlich kein Halten mehr. Ich trinke das Zeug nicht gerne, merke aber vor lauter fröhlichen Wortgefechten gar nicht, dass ich es doch tue, denn das Glas ist immer voll – das kommt mir irgendwie bekannt vor. Es ist im Nachhinein peinlich, aber wir ziehen tatsächlich mit einer Polonaise durch das große Hotel hinaus in den lauen Abend und feiern unser großartiges Team. Danke, Gudrun, für den weisen Spruch, den du uns unten bei Kommentar 32 mit auf den Weg gegeben hast. Ich jedenfalls habe ihn heute geflissentlich beherzigt. Der Abend wird zum schönsten auf unserer China Reise.


Tag 26

 

 

Gastbeitrag Manfred Kennel

 

 

Mit einem grandiosen Blick über Kashgar, dem Melting Pot auf der  Seidenstrasse wachen wir auf.
In Kashgar kreuzen sich die südliche und die nördliche Route um die Taklamakanwüste.
Mit verschiedensten Ethnien und Religionen ist hier ein mit fast 600 000 Einwohnern bevölkertes Stadtgebiet entstanden, was abwechslungsreicher nicht sein kann. Geprägt sind die Gesichter weniger vom chinesischen sondern vom zentralasiatischen Einschlag. Auch die Bauten sind mittlerweile stark muslimisch geprägt. Wir sind hier jetzt wirklich im Zentrum Asiens. 200 km nach Afghanistan, 200 km nach Pakistan zum Karakorum-Highway und 100 km nach Kirgistan, wo wir in zwei Tagen hinreisen werden.
Unser erster Besuch in Kashgar gilt dem sonntäglichen Viehmarkt. Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Schon immer habe ich mir gewünscht, mittels einer Zeitreise ins Mittelalter zu kommen. Heute scheint es tatsächlich gelungen zu sein, die Hürden der Zeit zu überspringen. Esel, Ochsen, Stiere, Hammel und Ziegen werden hier feilgeboten, zum Teil direkt geschlachtet und zu Spießen präpariert, vor Ort gegrillt und wieder verspeist. Die kläglichen Reste zeugen von direkter Vermarktung. Allein auf diesem Markt habe ich bestimmt 200 Photos gemacht. Ich bin wirklich tief in diese andere Welt eingetaucht und Fragen stellen sich wie „wie lange wird es dauern bis unser gewohnter Standard einkehrt und wird dieser Standard überhaupt gebraucht?“ Es wird gefeilscht, gegessen und zusammengesessen. Alles ist extrem lebendig.
Dann geht es zur Moschee und  zum Grab der duftenden Konkubine, wo sich der Baustil wieder ändert und sich indische Tendenzen zeigen. Die großflächig angelegte Grabstätte strömt Pietät und eine ruhige Gelassenheit aus. Und schon naht der andere Kontrast : Sonntagsmarkt!
Ein riesiger !!!, wild wuselnder Marktplatz mit mehr als 10 000 Verkaufsständen aller Art, von Essen, Kleidung und eigentlich gib es hier alles…. Ich erstehe ein schönes weißes Baumwollhemd, welches mit seinen langen, aber weiten Ärmeln ideal für die Wüste ist. Bei einem extrem geringen Preis traue ich mich hier nicht einmal zu verhandeln und das will bei mir etwas heißen.

 

Und weiter geht es in die Altstadt. Wieder anders. Geschäft neben Geschäft, aber nicht Geschäfte wie wir sie kennen, eher Verkaufsbuden in Häusern. Die Altstadt beginnt mit einer Hufschmiede, wo ein Pferd in einem Tragegestell hängt und beschlagen wird. Danach scheint es froh zu sein und zieht einen schweren Wagen voller neuer Kraft aus der Altstadt.
Wir alle sind geschafft von den Eindrücken und kehren nach kurzem Altstadteinatmen in den Bus zurück. Die eigentliche tiefere Besichtigung sparen wir uns für morgen.
Es geht ins Hotel und den Abend lassen wir ruhig in einem rustikalen Lokal in der ehemaligen britischen Botschaft ausklingen.


Tag 27


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